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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 264

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Die Erzählung vom Toraschreiber
Date
1917-01-01
Page
264 (sequence 12)
Language
German
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264 Martin Bub er: Chassidisches Und beim Licht der erlöschenden Lampe tanzt Raphael, in den Talith gehüllt und die Torarolle im Arm, und die Rolle ist in golddurchwirkte Seide gehüllt: die Gabe der Frau Miijam, des Weibes Raphaels des Toraschreibers. Das Zimmer füllt sich mit Torarollen, und eine Schar von Greisen tanzt in heiliger Inbrunst. Raphael bleibt auf seinem Platz stehen, und der Tanz zieht sich weiter. Und beim Tanz erheben sie nicht den Fuß, beugen nicht das Knie. Ohne Regung tanzen sie und drehen sich um ihre greisen Körper. Mirjam steht in der Mitte, ihr Gesicht hat sie verhüllt und mit ihren Schultern tanzt sie. Ihre Arme steigen und steigen in der Wölbung des Zimmers. Und siehe, sie geht der Rolle entgegen, die in den Händen Raphaels ist. Den Schleier hat sie von ihrem Antlitz abgelegt, und ihre beiden Hände bedecken ihr Gesicht. Und lautlos gleiten sie nach unten, und ihr weißes Gesicht offenbart sich. Ihre roten Lippen lassen sich in heiliger Vermählung auf der weißen Seide seiner Rolle nieder. Der Heilige, gelobt sei er, streift seinen Talith vom Licht ab, die Welt steht im leisen Gebet des Abends. Das Lämpchen verlischt langsam, der Docht versinkt in dem Satz des Öls. Plötzlich zuckt eine Feuerzunge auf und beleuchtet das Zimmer. Und ihr Licht hüllt das Gesicht Raphaels des Toraschreibers, der mit seiner Rolle zu Boden geglitten ist. Und das Hochzeitskleid seiner Frau ist über sie gebreitet. (Aus dem hebräischen Manuskript übersetzt von Max Strauß) CHASSIDISCHES Buße und Erlösung Der Rishiner sprach: „Es wird vom heiligen Zaddik von Szpola, dem ,Großvater*, erzählt, er habe einmal gerufen: ,Messias, warum kommst du nicht? Worauf wartest du? Ich schwöre dir bei meinem Bart, die Juden werden nicht Buße tun!1 Und ich widerstreite dem Szpoler Großvater nicht. Aber dies verspreche ich dir, Herr der Welt, wenn der König Messias erscheint, werden sie alle alsbald Buße tun. Und sie haben eine Rechtfertigung. Denn ehe wir gesündigt hatten, bei deinem Bund mit Abraham zwischen den Fleischstücken hast du über uns die vier Exile verhängt; so mußt du uns auch die Erlösung bringen,ehe wir Buße tun." Ein andermal, nach der Morgenmahlzeit, legte der Rishiner die Finger seiner rechten Hand auf den Tisch und sagte: „Gott spricht zu Israel: Kehret euch zu mir und ich will mich zu euch kehren. Tuet Buße und ich will eure Richter wiederbringen wie vordem und eure Berater wie im Anbeginn." Danach drehte er die Finger um und sagte: „Wir Kinder Israel aber sprechen: Führe uns zurück, Herr, zu dir, und wir werden umkehren; erneue unsere Tage wie vordem. Denn die schwere Verbannung lastet auf uns und wir haben keine Kraft, zu dir umzukehren in vollkommener Umkehr. Darum führe du uns zurück und wir werden umkehren." Sodann wandte er die Hand wieder: „Aber der Heilige, gesegnet sei er, spricht: Ihr müsset euch vorerst zu mir kehren!" So tat der Rishiner viermal und drehte seine Hand nach oben und nach unten. Zuletzt aber sagte er: „Das Recht ist bei den Kindern Israel, und redliche und richtige Worte sind es, die sie sprechen, denn wahrlich, die Fluten der Pein schlagen über ihnen zuzusammen und sie vermögen ihr Herz nicht zu regieren, daß es umkehre." Martin Buber

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