Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erzählung vom Toraschreiber
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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2Ö2 S. J. Agnon: Lied, von dem er dachte: Zu Ehren dieser Tora habe ich es verfaßt — hatte er es nicht schon gehört? Raphael singt weiter. Es ist gar nichts Neues darin. Auch wenn er den Mund zuschließt, singt sein Lied von selbst. Ah, wo hat er diese Melodie-gehört? Nicht neu ist sie für ihn. Ii. Und wenn ich von dieser Melodie spreche, will ich meine Lippen nicht verschließen, zu erzählen, wo er sie gehört hatte. Ssimchat-Toranacht war es. Und in dieser Nacht ist das Bethaus des Rabbi voll kostbaren Lichts, und alle Leuchter blinken vom höheren Glänze, und Chassidim und Zaddikim stehen gehüllt in weiße Mäntel von reiner Seide mit Torarollen in den Händen und umkreisen den Almemor und tanzen in heiliger Inbrunst und vergnügen sich an der Üppigkeit der Tora. Und viele Chassidim und einfache Bürger werden begnadet, mit ihnen zu tanzen, und geben sich der heiligen Tora hin und denen, die die Tora hüten um ihretwillen, und vergessen allen Zorn und alle Strenge und alle schweren und niedrigen Dinge. Und ihre Kinder umringen sie mit Fahnen, und sie sind weiß, grünlich, rot und blau, mit Silber- und Goldbuchstaben durchflochten, und rote Äpfel sind an der Spitze jeder Fahne, und eine Kerze brennt in jedem Apfel, und sie leuchten wie die sieben Planeten im heiligen Apfelfelde. Und wenn ein Knabe oder ein Mädchen aus Israel den Vater in solcher Ehre sieht mit einer Torarolle im Arm, springen sie sogleich ihm entgegen und halten die Torarolle und umklammern sie und umarmen sie mit ihren reinen Lippen, die den Geschmack einer Sünde noch nicht geschmeckt haben, und klatschen in die Häade und rufen im Takt: „Heil dir, Israel!" Und ihre Väter winken mit dem Kopfe ihnen zu und antworten ihnen: „Heilige Herde!" Und die Frauen, die in der Frauenabteilung stehen, speisen ihre Augen an der erhabenen Heiligkeit. Und wenn der sechste Umzug beendet ist, nimmt der Vorsänger eine Torarolle und legt sie an die Brust und spricht zu den Jünglingen: „ Jeder, der sich um Tora bemüht, komme und nehme eine Torarolle!" Und gleich sammeln sich alle lieblichen Jünglinge und kommen und nehmen ihre Rolle in die Hand. Da aber hub der Vorsänger wiederum an und rief: „Die Ehre des vollkommenen Jünglings, Herrn Raphael, wird mit der Ehre der Tora geehrt und damit, eine schöne Melodie zu singen." Sogleich ging Raphael zu der heiligen Lade und nahm eine Torarolle aus der Hand des Vorsängers und ging an der Spitze des Reigens. Und die Alten stehen und. ihre mageren Hände flattern in den weiten Ärmeln und sie klatschen in die Hände und die Freude wächst und die Schulkinder stehen auf den Bänken und schreien mit aller Kraft: „Heilige Herde!" und schwenken die Fahnen über die Köpfe der Jünglinge. Und als Raphael begann und seine neue Melodie sang, blieben sofort alle auf ihrem Platze stehen, und ihre Hände blieben stumm. Und auch die alten Chassidim, deren heiliger Weg zur Zeit des Gebetes und Tanzes nach Art des Rabbi Akiba ist, in großer Inbrunst (wenn jemand ihn in dieser Ecke zurückließ, fand er ihn in der anderen Ecke), hielten sich aus allen ihren Kräften von diesem Weg des Dienstes zurück, und vor der Lieblichkeit der Verzückung konnten sie nicht die Hand erheben und klatschen, obwohl ihr Herz brennend