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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 261

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Die Erzählung vom Toraschreiber
Date
1917-01-01
Page
261 (sequence 9)
Language
German
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Die Erzählung vom Toraschreiber 261 Einmal im Winter geschah es, daß das Badhaus in dieser Stadt, in der Raphael wohnte, auf Befehl der Obrigkeit geschlossen wurde, denn es war baufällig, und als er so weit war, den Namen zu schreiben, siehe, da gab es kein Remigungsbad. Da nahm er eine Axt und ging zum Fluß draußen vor der Stadt und spaltete das Eis in der Mitte und zog seine Kleider aus und tauchte dreimal und stieg heraus und schrieb den Namen Gottes in der Lieblichkeit der wunderbaren Hingabe. In dieser Stunde wurde Raphael der Toraschreiber begnadet, das Geheimnis Gottes zu erkennen: bevor der Mensch dazu kommt, sich hinzugeben in der Lieblichkeit der Hingabe, siehe, ist es ihm auferlegt, wie ein Mensch zu sein, der in Eiswasser steht an einem Frosttage. Und von nun an und weiter saß er in der Schwäche seiner Kräfte in der lieblichen Stille und zog mit seiner mageren Hand die Feder über das Pergament, bis er seine Rolle abgeschlossen hatte. Die „Hölzer des Lebens" zum Rollen und die übrigen heiligen Geräte machte er selber: vergleichbar einem gastfreien Manne, in dessen Haus sich stets Gäste fanden, und viele Diener standen und bedienten sie. Einmal machte er ein Mahl für den König. Wer ziemte sich für den König, ihn zu bedienen? Er, der Hausherr, selber. 10. Und jetzt erzählen wir von dem Brauch — ein Brauch Israels ist Tora —, wenn man eine Torarolle abschließt. Wenn ein Schreiber dazu kommt, seine Rolle abzuschließen, so läßt er, wie bekannt, etliche Verse am Schluß mit umrissenen, nicht ausgefüllten Buchstaben, um einem Mann aus Israel, der nicht begnadet wurde, das Gebot zu erfüllen : „Und jetzt schreibet euch dieses Lied" —, das Verdienst zu verschaffen, einen Buchstaben in der Tora auszufüllen. Und wer gerade die Gunst hat, dort zu sein, kommt und nimmt eine Feder, und taucht die Spitze der Feder in Tinte und füllt die Umrisse des Buchstabens aus. Und Raphael legte die Feder aus der Hand und rollte die Rolle mit den beiden Hölzern des Lebens und ließ etliche Verse ausgesparter Buchstaben. Und er sprach: „Ich will gehen und ein Minjan Juden zu Ehren der Tora rufen." Und er stand auf und ging zum Spiegel, sich Schläfenlocken und Bart zu ordnen. Und der Spiegel ist mit einem Laken verhüllt, denn seit dem Todestage Mirjams hat man das Zeichen der Trauer noch nicht fortgenommen. Und der schwarze Rahmen umkrönt das weiße Laken. Und Raphael faßte das Ende des Lakens und nahm es fort und schaute in den Spiegel herein und sah sein Gesicht und den staubbedeckten Misrach. Und er stand dort und säumte. Und er sah auch die Rolle und die ausgesparten Buchstaben. Und er wandte sich hin und her und wußte nicht, wie ihm war. Und er ging wieder zum Tisch wie vorher, und er nahm die Feder, und er füllte die Buchstaben in der Rolle, die er zum Gedächtnis der Seele seines Weibes geschrieben hatte. Und als er sein Werk geendigt hat e, rollte er die Rolle und hob sie empor, mit Tanz und mit Freude und mit einem neuen Lied zu Ehren der Tora. Und plötzlich blieb Raphael inmitten des Hauses stehen. Ist es wahr? das

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