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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 260

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Die Erzählung vom Toraschreiber
Date
1917-01-01
Page
260 (sequence 8)
Language
German
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2Ö0 S. J. Agnon: eine Schar Vögel auf einem Schneefeld am Sabbath des Gesanges. Und wenn er dazu gelangt, den großen und furchtbaren Namen zu schreiben, steigt er in das Reinigungsbad herab und taucht unter. Und so saß er und schrieb viele Monate, bis er die ganze Tora vollendet hatte. 9- Aber nichts tut sich so schnell, wie es sich sagt. Tage auf Tage saß Raphael über seiner Arbeit. Aber Tage verstrichen, Tage kamen, und Raphael hatte seine Rolle noch nicht vollendet. Sein Gesicht wird kleiner, seine Schläfen schrumpfen, seine Augen werden immer größer, und er sitzt und schaut in den Raum seines verwüsteten Hauses. Eine Maus spielt auf ihrem Loch mit einer verbrauchten Feder, und die Katze liegt traurig auf dem verwaisten Herd. Ein Monat kommt und ein Monat geht, die Zeit sprengt Grau in seine Schläfenlocken. Raphael, Raphael, vergiß nicht den Tod, denn auch er wird dich nicht vergessen! mahnt Raphael sich selbst mit dem Spruche des Weisen. Das Pergament ruht auf dem Tisch, und die Feder liegt gegen das Licht der Sonne, und die Sonne glitzert aus ihr heraus wie das verhaltene Licht zwischen den Flügeln der heiligen Tiere. Die Sonnenstrahlen steigen herab, in seinem Tintengefäß zu baden, und wenn sie fortgehen, um den Schatten der Nacht Frieden zu bieten, so ist das Pergament noch, wie es war. Manchmal nimmt er sich zusammen, taucht die Feder in die Tinte und schreibt ein Wort, und noch eines, aber er schafft nichts und er wirkt nichts. Gott gab ihm Augen, und die Augen sind voll Tränen, und wenn er sich daran macht, einen Buchstaben in der Tora zu schreiben, dann tropfen sogleich seine Augen Tränen auf das Pergament. Umsonst bauen die Bauleute Paläste, Wenn ein Strom fließt und den Grund wegschwemmt. Umsonst zündet man ein Totenlicht an, Wenn die Waisen es mit ihren Tränen verlöschen. Und wenn er die Tränen verschluckte und sprach: „Gekommen ist die Stunde!", dann kam er in Inbrunst und Hingabe und spritzte Tintentröpfchen vor dem Zittern des Schaffens und war nicht imstande, auch nur einen Buchstaben nach Gebühr zu schreiben. Vom Rabbi von Schitomir wird erzählt, daß er den Rabbi von Berditschew über den Vers befragte: „Und Ahron tat also", und Raschi, sein Andenken zum Segen, deutet: „Will sagen, daß er nichts änderte." Frage: Wenn der Heilige, gelobt sei er, Ahron sagte, er solle die Lichter anstecken, wird er dann ändern? Und wenn der Heilige, gelobt sei er, es einem einfachen Menschen gesagt hätte, hätte der etwa geändert? Und wo ist also das Lob Ahrons des Hohepriesters? Aber die Lösung ist: wenn der Heilige, gelobt sei er, dem Rabbi von Berditschew gesagt hätte, er solle die Lichter anzünden, wäre er sicherlich in Inbrunst und Furcht Gottes und Hingabe geraten, und wenn er zum Anzünden gekommen wäre, hätte er das Öl auf die Erde verschüttet und hätte überhaupt nicht angesteckt vor der Furcht Gottes. Aber Ahron, obwohl er sicherlich mehr Inbrunst und Furcht Gottes und Hingabe hatte als der Rabbi, der Zaddik von Berditschew, aber wenn er kam, die Lichter zu zünden, erfüllte er, wie Gott es befohlen hatte, und zündete ohne jede Veränderung.

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