Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erzählung vom Toraschreiber
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 259 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Erzählung vom Toraschreiber 259 6. Aber nicht ewig währt die Stärke. — Wen Gott liebt, den züchtigt er. Einmal am Sabbath vor Mittag kam Mirjam vom Bethaus zurück und legte ihr Gebetbuch aus der Hand, und noch hatte sie nicht Zeit gehabt, ihr Kleid von sich abzulegen und ihr Herz und ihre Seele zu rüsten, um das Antlitz ihres Mannes mit einem Segen zu empfangen, da ließ sie einen Seufzer aus ihrem Innern, Kälte und Wärme begannen sich in ihr zu vermischen, ihr Gesicht verwandelte sich und wurde grün, ihre Knochen begannen aus ihren Gelenken herauszugleiten, und ihre ganze Haut war, wie wenn sie von ihrem Körper fort wollte. Und wie sie lag, stand sie nicht mehr auf, und vom Bett stieg sie nicht herab. Wie es scheint, war ihr von oben kein langes Leben bestimmt, und noch in ihrer Blüte wurde sie weggerissen. Und Mirjam starb in der Stille ihrer Jugend, und sie ließ ihren Mann zu Seufzern zurück, und ließ hinter sich weder Sohn noch Tochter. 7- Und als die sieben Trauertage endeten, stand Raphael der Toraschreiber auf und zog seine Schuhe an und ging zum Markt hinaus und trat in die Werkstätten und kaufte dort viele Pergamente und Bündel von Federn und eine Schnur Galläpfel für Tinte und zarte Sehnen zum Nähen, und machte sich daran, eine Torarolle zu schreiben zum Gedächtnis der Seele Mirjams, seines Weibes, die Gott genommen hatte. Ein Gleichnis: wem ist die Sache ähnlich? — Einem großen Gärtner, der schöne Pflanzungen in seinem Garten pflanzte, und alle Herren, die das Angesicht des Königs sahen, traten in seinen Garten und nahmen bei ihm schöne Blumen, wenn sie vor den König kamen. Einmal ging das Weib des Gärtners, vor den König zu kommen; da sprach der Gärtner: „Jeder, der das Angesicht des Königs sieht, nimmt Rosen aus meinem Garten; jetzt, da mein Weib zum König geht, ist es da nicht Pflicht, daß ich in meinen Garten herabsteige, ihr Rosen zu sammeln?" Und man versteht den Vergleich, Raphael war ein großer Gärtner, schöne Torarollen pflanzte er in die Welt. Und jeder, der vor den König der Könige gefordert wurde, nahm sich eine Torarolle mit. Als Mirjams Stunde da war, vor den König zu kommen, den heiligen, gelobt sei er, ging Raphael sogleich zu seinem Garten, das ist sein reiner Tisch, und sammelte Rosen, das sind die Buchstaben der Tora, die er schrieb, und machte einen schönen Strauß, das ist die Rolle, die er fertigte. Und die Arbeit begann. 8. Raphael sitzt und schreibt, und seine Tora schreibt er Tag und Nacht, und er hört nur auf, um in der Gemeinde zu beten oder Kaddisch zu sagen im Lehrhause, nahe an seinem Hause. Der Talith ist über seinem reinen Tisch ausgebreitet, und seine Schaufäden fließen nach unten und schmiegen sich in die Schaufäden seines kleinen Talith, und auf dem Talith liegt ein Pergament, und das Pergament leuchtet in seiner Weiße wie der Himmel selber an Reinheit. Von Morgen bis Abend zieht sich die Feder über das Papier, und schöne schwarze Buchstaben leuchten auf und erheben sich auf dem Pergament, wie