Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erzählung vom Toraschreiber
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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258 S. J. Agnon: fruchtbarer schon gedacht wurde; wieviel Kinder haben sich an ihre Brüste geschmiegt. Auf wann fällt die Nacht deines Untertauchens? Ein Bittgebet der Mütter hat man aus dem heiligen Lande gebracht, was soll ich sagen und was soll ich reden, dort wirst du die Werke Gottes sehen und seine Wunder, und daraus wirst du lernen, wie man Gott anfleht." Und wenn Mirjam im Badhaus ist, weilt Raphael im Lehrhaus. Und wenn sie von dort zurückkommt, geht sie zum Spiegel, und wie eine Braut schmückt sie sich mit ihrem Schmuck. Und die Tage ihrer Jugend kehren zu ihr zurück. Und sie denkt an die Herberge am Scheidewege, an Grafen und Gräfinnen und Ochsenhändler und an das Gute dieser Welt, und an Raphael, den Gebieter ihrer Jugend, und an die Krone, mit der ihre Mutter sie am Tage ihrer Hochzeit bekrönt hat, und siehe, sie setzt ihren Sinn daran, sich vor ihrem Gatten zu putzen. Da aber sieht sie im Spiegel von der Wand gegenüber herab den Misrach und seine Bilder und die brüllenden Löwen und siehe, sie schrickt zurück: „Gottes ist die Erde und ihre Fülle!" Und wenn Raphael vom Gebet zurückkommt und er sieht sein Weib in ihrer ganzen Schönheit in dem Spiegel stehen, findet sie alsbald Wohlgefallen vor ihm und er nähert sich ihr leise, ihr Worte der Zuneigung zu sagen. Und wenn Raphael zu ihr hintritt, dann leuchtet vor ihm Gottes Name, er sei gepriesen, aus dem Spiegel auf, und siehe, er liest in heiliger Hingabe: „Immer stelle ich Gott vor mich!" Und er schließt die Augen vor der Ehre Gottes und seiner Furcht. Und sogleich gehen beide in Schweigen auseinander. Er sitzt in dieser Ecke und lernt Sohar und Tikkunim, und sie sitzt in dieser Ecke und liest das Bittgebet der Mütter, bis der Schlaf ihre Augen umfängt und sie aufstehen und die große Kanne nehmen, auf deren Boden ein kupferner Fisch liegt, und ihre Hände waschen, um das Schema zu lesen. 5- Aber als schon alle Enden verstrichen waren und keine Kraft mehr in ihr war, um Kinder zu weinen, trat sie vor ihren Mann, mit zerbrochenem Herzen und in großer Gebeugtheit. Und Raphael sprach zu Mirjam: „Was ist dein Verlangen, und es wird dir gewährt werden, und was ist deine Bitte, und sie wird dir erfüllt werden?" Und es antwortete Mirjam und sprach: „Mein Verlangen und meine Bitte: wenn ich Gunst gefunden habe in den Augen meines Mannes und wenn es meinem Manne gefällt, mein Verlangen zu gewähren und meine Bitte zu erfüllen, so möge er eine Torarolle auch um unsertwillen schreiben." In dieser Stunde nahm Rabbi Raphael den Kopf Mirjams und legte ihn auf seine Knie, und er legte seine Augen auf ihre Augen und sein Gesicht auf ihr Gesicht und seine Nase auf ihre Nase und seinen Mund auf ihren Mund und sprach zu ihr: „Nicht doch, meine Tochter, Gott hat sein Erbarmen noch nicht vor uns verschlossen. Wir werden noch Samen sehen auf Erden." Da senkte Mirjam die Augenwimpern und sprach: „O daß es von deinem Munde in die Ohren des Heiligen käme, gelobt sei er." Und von nun an und weiter waren ihre Hände mit der Herrichtung eines Mantels für die Torarolle beschäftigt und mit anderen heiligen Geräten, wie eine junge Frau nach ihrer Hochzeit mit Windeln und Tüchern für das werdende Kind.