Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erzählung vom Toraschreiber
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 257 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Erzählung vom Toraschreiber 257 weißer Gänse und anderes reine Geflügel ergingen sich rings um das Haus, und wenn die Vögel des Himmels nach dem Lande Israel aufbrachen, und wenn sie zu Peßach von dort wiederkamen, um das Hohelied im Cheder zu hören, hielten sie jeden Morgen ihren Gesangabschnitt bei seinem Fenster ab. 4. Und drinnen im Hause ist stets Stille und Ruhe. Wahrlich eine Art Sabbathruhe herrscht dort. Die Anmut des Ortes ist über den Bewohnern. Der Kopf Mirjams, der teuren, ist alle Tage mit einem weißen, sauberen Tuche bis unter den Hals umwunden, und die Zipfel der Schleife hängen ihr über die Brust herab wie Taubenflügel. Und sie steckt keine Nadel oder Stricknadel oben in ihr Tuch nach Art der meisten Weiber, damit nicht Gott behüte auch nur ein halber Finger breit vom verhüllten Ort offenbar würde. Und würde man nicht ihre Hände beschäftigt sehen, so könnte man glauben, daß heute der Sabbath des Herrn ist. Manchmal kommt ein Armer ins Haus, ein Almosen zu erbitten, oder ein vorbeiziehender Gast tritt ein, seine Tefillin in Ordnung zu bringen, und siehe, er plaudert mit Raphael, was seine Augen sahen an den Orten der Zerstreuung Israels. „Was sollen wir sprechen und was sollen wir sagen, Rabbi Raphael, man glaubt es nicht, wenn man es erzählt. Wahrhaftig, mit meinen Augen habe ich gesehen, bei dem und dem Toraschreiber sitzen viele Jungen Tag und Nacht und schreiben Torarollen, Tefillin und Mesusoth. Man glaubt es nicht, wenn man es erzählt. Sie machen aus der heiligen Tora eine Fabriksache; ja, ich habe sagen hören, daß bei jenem anderen sogar Mädchen sitzen und schreiben." Raphael hört aus Höflichkeit zu und antwortet mit der Demut seiner Stimme: „Nicht doch, lieber Jude, warum sollten wir Schuld häufen auf das Volk Gottes? Ganz im Gegenteil, siehe, wir haben Grund zur Freude, daß er uns am Leben gehalten und uns hat bestehen lassen bis zu dieser Zeit, wo die Jüdischkeit sich so ausbreitet, daß ein Toraschreiber in einer Stadt nicht mehr genügt. Und was die Sache mit den schreibenden Mädchen angeht, wer ist größer bei uns als Raschi, sein Andenken zum Segen, und hat nicht seine Enkeltochter auch geschrieben?" Und manchmal kommt eine Nachbarin zu Mirjam herein, über Kochsachen zu beraten oder zu fragen, auf wann Neumond fällt. Und wenn eine schwere Geburt in der Stadt ist, dann läuft man gleich zu ihr, um ihre Weide zu leihen. „Meine teure Mirjam," sagt die Frau, die hereinkommt, „vielleicht bist du willig, zwei Seelen aus Israel zu erhalten, leihe mir doch bitte für jetzt deine Weide. So Gott will, gehe ich morgen um diese Zeit, wenn der Zorn vorüber ist, von einem Ende der Stadt bis zum andern und hole dir eine neue, sogar wenn die Flamme des zuckenden Schwertes lagert, den Weg der Weiden zu hüten." Sofort antwortet Mirjam mit einem Seufzer und spricht: „Meine Seele, eile, nimm dir die Weide und koche für sie zu gutem Glück und zu langem Leben, und ich bin wirklich nicht wert, daß du dich um mich bemühen sollst, denn was kann eine Weide geben und dazutun, selbst wenn sie in Tränen gekocht ist, wenn der Pittim in die falsche Kehle gekommen ist." Spricht zu ihr die Nachbarin: „Nicht doch, Mirjam, nicht doch, mein Leben, man darf den Mund nicht für den Satan öffnen. Wir haben einen großen Vater im Himmel, und er erbarmt sich über alle seine Geschöpfe. Denke daran, wie vieler Un-