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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 256

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Die Erzählung vom Toraschreiber
Date
1917-01-01
Page
256 (sequence 4)
Language
German
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256 S. J. Agnon: von einem Ende des Hauses zum anderen. Auf dem Balken liegen viele heilige Bücher, neue und alte, dicke und dünne, manche in rotes Schafsleder gehüllt und manche in einfachen Band gebunden. Und neben dem Balken rechts, an der Ostwand, hängt ein Misrach, auf Canevas gestickt, den Mirjam in ihrer Jugend im Hause ihres Vaters machte. Und das Bild eines Gartens ist aus Seidenfäden darauf gewirkt, voll von Bäumen mit allen eßbaren Früchten; und ein Palast ist mitten im Garten, und zwei Löwen hüten den Garten. Und das Gesicht des einen ist dem Gesicht des anderen zugewandt, Löwe gegen Löwe und Zunge gegen Zunge. Und von Zunge zu Zunge geht und zieht sich eine goldene Schrift: „Gottes ist die Erde und ihre Fülle" mit großen Buchstaben wie ein gewaltiges Brüllen. Und in allen vier Ecken des Misrach steht ein Wort, ein Wort in jeder Ecke: „Immer stelle ich Gott vor mich.*' Und gegen den Misrach, an der Wand gegenüber, hängt der Spiegel, und eine abgepflückte Weide liegt auf der Krone des Spiegels. Von Jahr zu Jahr bringt Mirjam zu Hoschana Rabba, wenn sie aus dem Bethaus kommt, eine abgepflückte Weide mit. Wie vielen Frauen half schon das Wasser der Weide in der Stunde des Gebärens! Nur sie allein war noch nicht damit begnadet worden, sich ihres Wassers zu bedienen. Und die Weide geht und verdorrt, und Blatt nach Blatt fällt in das Spinnennetz herab, das die Spinne , über dem Amulett webt, dort beim Bett; die Mutter gab es ihr an ihrem Hochzeitstag, um die bösen Geister vom Hause fern zu halten, die die Geburt hindern. Das Amulett ist mit heiligen Buchstaben geschrieben, aber in der Sprache des Landes: Jak krowa mloda . . . und so fort; das heißt: wenn die Kuh jung und gesund ist, warum sollte sie nicht ein Kalb gebären? Das Amulett schrieb Rabbi Simon von Jaroslaw auf dem Wege in einer Herberge, für ihre Mutter, Friede über ihr, die Besitzerin der Herberge, die viele Jahre unfruchtbar war. Auf Geheiß vieler frommen Rabbonim schrieb er das Amulett, während sie ihnen rote Suppe und Erdäpfel kochte, nachdem sie drei Tage gegangen waren, ohne den Geschmack einer Speise zu schmecken, auf der Reise zu ihrem heiligen Rabbi, dem Seher von Lublin. Und weil er noch nicht geweiht war, schrieb er es nicht in der heiligen Sprache, und der Name, der sich aus den Buchstaben ergab, war der Name des Engels, der über die Schwangerschaft gesetzt ist, verflochten mit dem Namen Gottes. Mirjam hatte das Amulett umwunden mit sieben Fäden, von sieben Schleiern von sieben Frauen, die Kinder und Kindeskinder gesehen hatten, und kein Sohn war bei Lebzeiten seiner Eltern gestorben. Manchmal kommt Mirjam leise jenseits der Scheidewand herein, und sie steht dort und läßt ihre beiden Augen auf ihrem Mann ruhen, der in Heiligkeit und Reinheit dasitzt Und wenn Raphael sich von seiner Arbeit abwendet und sie stehen sieht, dann schwindet sogleich ihre Blässe, und es kommt die Röte, und sie entschuldigt sich vor ihm, daß sie nur hergekommen ist, die Sabbathleuchter zu nehmen, um sie zu Ehren des Sabbath zu putzen. Das ist die Regel des Hauses. Und rings um das Haus war kein unreines Ding zu sehen. Die Schuljungen verjagten jeden Hund und jedes Schwein, die sich in die Gasse wälzen wollten. Nur die Katze, die geschaffen ist, die Mäuse zu vertreiben, und eine Schar

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