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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Die Erzählung vom Toraschreiber
Date
1917-01-01
Page
255 (sequence 3)
Language
German
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Die Erzählung vom Toraschreiber 255 Er saß in einer kleinen Wohnung, nahe der großen Synagoge und dem alten Lehrhaus und den übrigen Bethäusern, ein paar Schritte vom Badhaus, wo das Reinigungsbad ist. Die Wohnung war klein und niedrig, nur ein Zimmer hatte sie und eine Bretterwand in der Mitte. Und auf der anderen Seite der Wand steht Ofen und Herd, und zwischen Ofen und Herd sitzt die züchtige Insassin seines Hauses und kocht und bäckt und macht ein und spinnt und webt und strickt und überschaut den Gang ihres Hauses. Kinder hatte sie nicht; weil der Heilige, gelobt sei er, nach dem Gebet der Gerechten Verlangen hat, verschloß er ihren Leib. Und wenn sie mit den Arbeiten fertig ist, die eine Frau ihrem Manne schuldet, nimmt sie irgend ein altes Kleid heraus und macht daraus ein Gewand für eine Waise. Zu dieser Arbeit hat sie eine besondere Liebe, denn siehe, dabei kann man sitzen und still sein und Faden nach Faden ziehen und dem Gang der Welt nachdenken. Und um nicht an Seinen Wegen, Er sei gelobt, zu mäkeln und Gott behüte Worte gegen die Höhe zu schleudern, bringt sie sich viele schöne Geschichten von der Hilfe ins Gedächtnis. Es geschah mit einer Frau, für Kinder verschlossen wie sie, daß sie viel Geld in ihrem Strumpfe sammelte, um einen Rubin zu kaufen, denn er ist ein erprobtes Kleinod für Schwangerschaft. Da sah sie den Vorsteher des Vereins zur Bekleidung der Nackten, stand auf und gab ihm das ganze Geld, das sie viele Jahre gespart hatte, und mit ihrer eigenen Hand nahm und nähte sie die Kleidungsstücke für die Waisen. Es dauerte kaum einige Tage, bis sie begnadet wurde und Segen in ihrem Leibe sah, und aus ihr entsprangen reiche und bedeutende Leute, die Gott dienten aus ihrer Fülle. Und wiederum war eine Geschichte von einer Frau, die einen kleinen Talith für eine Waise machte. Plötzlich spürte sie, wie ihre Schaufäden nach oben gezogen wurden, und Duft war rings, Duft des Paradieses. Und als sie ihre Augen aufhob, da sah sie, wie Rabbi Gadiel das Kind, der als Lohn für das Gebet Israels geboren wurde, worüber wir eine große Erzählung haben, ihre Schaufäden küßte. Und er sprach zu ihr: „Wisse, Frau, daß deine Taten droben Wohlgefallen gefunden haben, und du wirst noch begnadet werden, Schaufäden zu machen für deine Kinder und Kindeskinder". Und es dauerte kaum einige Tage, bis sie begnadet wurde und Segen in ihrem Leibe sah, und aus ihr entsprangen Fromme, Gottesfürchtige und Vollkommene, die sich um Tora und Gebote bemühten. Und diese Geburt war gegen den Weg der Natur, denn diese Frau war ein Mannweib. So sitzt Mirjam und zieht Faden nach Faden, und ein Faden der Gnade geht und zieht sich von droben zu ihr, und gute Engel lassen viele Arten Träume vor ihr aufsteigen, wie sie ein Gewand für ihren Sohn richten wird, der im Cheder sitzt und Tora lernt, und wie der Sohn sich freuen wird über das neue Gewand, wenn er vom Cheder zurückkommt. Und ab und zu hebt sie ihre beiden reinen Augen gegen Raphael auf, den Gebieter ihrer Jugend, der jenseits der Wand sitzt beim Fenster am sauberen Tisch, der mit einem in vielen Gebeten geheiligten Talith gedeckt ist. Jenseits der Wand steht auch Schrank und Bett. Das Bett ist mit einer bunten, reinlichen Decke gedeckt, und im Schranke liegen viele Pergamente und heilige Geräte. Öort hängt ihr weißes Hochzeitskleid, dort wird etwas Erde aus dem Lande Israel verwahrt. Und inmitten des Zimmers zieht sich ein schwärzlicher Balken und geht

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