Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 254

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Die Erzählung vom Toraschreiber
Date
1917-01-01
Page
254 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101130-3102166--1544-3102232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

254 S. J. Agnon: schwenkt sie und reinigt sie und säubert sie, damit Raphael, ihr Mann, seine Arbeit in einer reinen und lauteren Luft tun kann, und verzärtelt ihn mit zarten Speisen und mit süßen Getränken. Und zu Sabbath und Festtag, und manchmal auch zur Neumondsmahlzeit, kauft sie eine Gans, das Fleisch kocht sie im Topf oder macht daraus einen Braten, und die Federn richtet Raphael, Torarollen, Tefillin und Mesusoth damit zu schreiben. Und er sitzt über der Tora und über der Arbeit in Heiligkeit und in Reinheit und führt das Szepter des Schreibers und flicht Kronen für seinen Schöpfer. 2. Und ehe wir anfangen, ein wenig die Geschichte zu erzählen, wollen wir den Weg seiner heiligen Arbeit erzählen. So war sein heiliger Weg: Um Mitternacht steht er auf und sitzt auf der Erde und tut Asche auf sein Haupt und weint und trauert über die Zerstörung Jerusalems und über das Sterben der Gerechten und den Brand des Heiligtums und die Länge des Galuth und das Galuth der Gottesglorie und die Härte der Unterwerfung unter die Völker und alle Arten schwerer, grausamer Verhängnisse, die über Israel verhängt werden, neue an jedem Morgen, und über unseren gerechten Messias, der durch die Sünde des Zeitalters noch in eiserne Ketten geschlagen ist. Hernach lernt er bis zum Morgenlicht den ,,Weg des Lebens", den Sohar und die Tikkunim, knüpft dann die Weise des Tages an die Weise der Nacht und steigt zu einem Reinigungsbade herab und taucht seinen durchscheinenden Körper ins Wasser und betet das Morgengebet und kehrt nach Hause zurück und kostet ein Stückchen Honigkuchen, in süßen Branntwein getunkt, und stärkt seinen schwachen Körper ein wenig mit einem bißchen leichter Speise und taucht abermals unter und fegt sein Herz von allen Werktagsverrichtungen rein. Und er sitzt den ganzen Tag in seinem Hause und ist einsam mit seiner Seele, verschlossen und abgeriegelt in vier Ellen Tora, und mischt sich nicht unter Menschen und ist vor allen Sünden zwischen einem Menschen und seinem Nächsten bewahrt, und bleibt heilig in Rede und in Gedanken und in Tat, und ist bewahrt vor Lust und Wollust, und sitzt eingezogen und verschlossen, und keiner ist mit ihm als allein Gott, er sei gelobt, und er lernt einen Abschnitt Mischna und Gemara, um die mündliche Tora mit der schriftlichen zu verbinden, und vollzieht alle heiligen Richtungen, die in den Schriften angedeutet sind, und sitzt über der Tora und über der Arbeit und nimmt sich in acht, den heiligen Namen nicht ohne körperliche Reinigung zu schreiben. Und deshalb schrieb er manchmal ein ganzes Pergament und ließ den Platz für die heiligen Namen leer, und schrieb sie nachher, nachdem er abermals in ein Reinigungsbad getaucht war; Vergleichbar einem Meister, der eine Krone für einen König macht. Macht er nicht zuerst die Krone, und nachher setzt er die Edelsteine und Perlen ein? Und so saß er und schrieb Tage auf Tage, von Morgen bis Abend, bis der Schuldiener kam und ans Fenster klopfte und rief: „Gekommen ist die Zeit des Minchagebets!" 3- Eine Sache zu ihrer Zeit, wie gut ist sie. Weil wir den Weg seiner heiligen Arbeit erzählt haben, wollen wir auch des Orts seiner heiligen Arbeit gedenken.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.