Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Erzählung vom Toraschreiber
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 253 (sequence 1)
- Language
- German
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S. J. Agnon: Die Erzählung vom Toraschreiber 253 DIE ERZÄHLUNG VOM TORASCHREIBER Von S. J, Agnon 1. Dies ist die Geschichte von Raphael dem Toraschreiber. Raphael der Toraschreiber war ein frommer und untadeliger Mann und schrieb Torarollen, Tefillin und Mesusoth in Heiligkeit und Reinheit, und jeder Hausherr in Israel dem Kinder versagt waren (der Barmherzige bewahre uns), oder dem die Frau starb (der Barmherzige bewahre uns), machte sich auf und kam zu Raphael dem Toraschreiber und sprach zu ihm: „Du weißt doch, Rabbi Raphael, mein Bruder, was sind wir und was ist unser Leben? Ich hoffte, daß meine Kinder und meine Kindeskinder zu dir kommen würden, damit du ihnen Tefillin schreibst. Und jetzt wehe, und ich gehe kinderlos, und mein Weib, von dem ich sagte: Tage und Jahre werde ich dort, in der höheren Welt, auf sie warten — ist mir plötzlich gestorben, hat mich zu Seufzern zurückgelassen. Vielleicht ist es dir recht, Rabbi Raphael, eine Torarolle von meinem Geld zu schreiben, wie Gottes gnädige Hand es dir gab. Wir wollen doch nicht in dieser und in der kommenden Welt verloren gehen, Rabbi Raphael, mein Lieber. Vielleicht wird Gott mir Gunst erweisen und das Werk deiner Hände ihm wohlgefällig sein." Und Raphael der Toraschreiber sitzt und schreibt ihm eine Torarolle, ihnen Namen und Andenken in Israel zu geben. Ein Gleichnis: wem ist die Sache ähnlich? — Einem, der von seiner Stadt fern war und an einen Ort ging, wo man ihn nicht kennt; da fanden ihn die Wächter, die in der Stadt umhergehen und fragten ihn: ,,Wer bist du und wo wohnst du?" Wenn er ein Reicher ist und ein anständiger Bürger, sobald er dann sagt: „Der und dei bin ich, und aus dem und dem Ort bin ich" — öffnet man Bücher und Listen und sieht darin nach und rindet, wie viel Abgaben er zur Kammer des Königs gebracht hat und wie viel Steuern er gezahlt hat, und sofort macht man ihm ein freundliches Gesicht und sagt ihm: „Komm, Gesegneter Gottes, siehe, das Land liegt vor dir, sitze, wo es gut ist in deinen Augen." Wenn er aber ein einfacher vorüberziehender Gast ist und hat weder Haus noch Habe, siehe, dann muß er ein Schriftstück hervorholen, geschrieben und gesiegelt von den Herren seiner Stadt: „Der und der ist von den Einwohnern unserer Stadt" — und man läßt ihn dort wohnen und treibt ihn nicht aus. So auch hier: ein Mensch kommt in die Welt der Wahrheit, da begegnen ihm Engel des Verderbens und fragen ihn: „Wer bist du und woher bist du?" Wenn er redlich und sündlos ist und gute Werke hinter sich ließ oder Kinder,, die sich um Tora und Gebote bemühen, dann sind sie gewiß gute Anwälte für ihn. Wenn er aber diese drei nicht hat, geht er klagend, die Hände über dem Kopf. Aber sobald Israel in das Bethaus tritt und man holt die Torarolle aus dem Heiligtum und liest darin, und die Rolle ist zum Gedächtnis seiner Seele geschrieben, dann weiß man sogleich: „Es ist derund der von den Einwohnern des und des Ortes" —und das ist sein Schriftstück. Und man spricht zu ihm: »Er komme in Frieden und ruhe auf seinem Lager". Und Raphael der Toraschreiber sitzt und schreibt, und sein Weib, vor allen rauen im Zelt sei sie gesegnet, Frau Mirjam, die fromme, sitzt im Hause und fliacht ihm den Sinn weit mit einer schönen Wohnung und schönen Geräten, und