Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Deutschtum und Judentum [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 251 (sequence 7)
- Language
- German
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Deutschtum und Judentum 251 mit dem jüdischen Monotheismus hat. Er stellt fest, daß die Hoffnung als sittliche Antizipation der Zukunft, das Grundmotiv des — als „neue Art des Denkens" bezeichneten — Messianismus, den Griechen fremd war. Er behauptet mit Nachdruck und Entschiedenheit, daß die Idee der Menschheit, die er zum Grundbegriff des Judentums erhebt, nicht in der griechischen Philosophie aufgegangen ist, welche „in der platonischen Tiefe selbst mit dem Mythos der vaterländischen Götter verwachsen blieb". Wie soll man es nun verstehen, daß er im Jahre 1915 plötzlich eine schöpferische Verbindung des Judentums mit dem Griechentum entdeckt? * * * Hätte Cohen seine Lehre über das Judentum im Unterschiede von allen im Mythos verankerten Kulturen bis zu letzter Konsequenz geführt, so wäre er nicht in Versuchung gekommen, Judentum mit Deutschtum und zu diesem Behuf — als Zwischenglied der Vergleichung — zuvörderst Judentum mit Griechentum zu verbinden. Es genügt nicht, das Judentum als Sittenlehre zu erfassen. Es gibt auch andere Sittenlehren, die jedoch ihren Ursprung im Mythos haben. Man muß das spezifische Merkmal der jüdischen Sittenlehre bestimmen. Die Erkenntnis der zwei Seinsarten, die Sonderung des Gottesseins vom Natursein macht noch nicht das Wesen der jüdischen Religion aus. Die Eigenart der jüdischen Religion ist das Gesetz, die Gesetzesverfassung. Auch viele mythischen Religionen sind von sittlichen Tendenzen durchwirkt, aber keine von ihnen hat die Funktion einer Gesetzesgebung; keine von ihnen ist ein Kodex von Riten, Sitten- und Staatsgesetzen. Die Opposition gegen den Mythos hat mit dem kosmologischen auch das metaphysische Motiv unterbunden und die Orientierung des Geistes vom Universum auf den Menschen, vom theoretischen Interesse auf das praktische Wissen vom Guten und Bösen gelenkt. Die jüdische Religion kennt, im Grunde genommen, keine Metaphysik. Ihre Religionsphilosophie ist sehr spät und unter fremden Einflüssen entstanden. Unsere Religion hat Normen, Gebote und Verbote, aber keine Ideologie, keine Lehrgrundsätze, keine Dogmen; diese kamen erst im Mittelalter hinzu und eigentlich nur als systematische Leitsätze. Kurz, die jüdische Religion ist Gesetzeslehre und nicht Ideenlehre. Spinoza und Mendelsohn erkannten diese Eigenart und Signatur, den Wesenszug der jüdischen Religion als einer Gesetzesverfassung. Cohen kann es ihnen nicht verzeihen, um so weniger als Kant sich von ihnen verleiten ließ, vom Judentum zu sagen, es sei eigentlich gar keine Religion; denn: „der jüdische Glaube ist seiner ursprünglichen Einrichtung nach ein Inbegriff bloß statutarischer Gesetze, auf welchen eine Staatsverfassung gegründet war". (S. Cohen: Innere Beziehungen der Kantischen Philos. zum Judentum, 28. Bericht der Lehranstalt für die Wissensch, des Judentums in Berlin; Spinoza über Staat und Religion, Jahrb. für jüd. Gesch. und Literatur, 1915.) Die sogenannten liberalen Juden sind in ihrer vermeintlichen Apologetik nachzuweisen bemüht, daß unsere Religion den Charakter einer Ideenlehre und nicht einer Kirche hat. Diese Ansicht, die Gemeingut des modernen Westjudentums geworden ist, entstellt in ihrer richtigen Gegenüberstellung den Zusammenhang der zwei Begriffe und damit das einzigartige Gepräge der 17*