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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 249

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Deutschtum und Judentum [Rezension]
Date
1917-01-01
Page
249 (sequence 5)
Language
German
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Deutschtum und Judentum 249 verpönt. Die Sittlichkeit kann nicht von dem Wesen Gottes auf das Wesen des Menschen überfließen. Der Monotheismus kennt keine Vereinigung des Menschen mit Gott. Gott ist ihm das Musterbild, das Ideal, nach welchem der Mensch seine Handlungen einzurichten hat. Der Befehl, die Vorschrift ist nur ein anderer Ausdruck für das Wesen Gottes als Urbild und Vorbild, als Urgesetz und Vorzeichnung der menschlichen Sittlichkeit. Nicht eigentlich Gott, sondern der Mensch bildet das Problem der jüdischen Religion. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. „Du hast den Menschen von Anbeginn abgesondert und erwählt, vor Dir zu stehen/' Er geht nicht im Sein der Natur auf, sein Reich ist das Sein des Sittlichen. Er hat die Sittlichkeit zu vollziehen und zu verwirklichen. Gott kann ihm beistehen. Doch ist das schon ein Ausdruck, der an der Grenze der Popularität liegt. Genauer ist das Wort des Talmud: daß die Gottesfurcht außerhalb der Sphäre der göttlichen Allmacht steht. Während der Mythos ein unmittelbares Verhältnis zwischen Mensch und Gott aufstellt und festhält, bekämpfen die Propheten die Setzung einer solchen Beziehung und lenken den Blick des Menschen auf den Mitmenschen.- Die Idee der Menschheit ist daher nicht in der griechischen Philosophie entstanden, die auch in der platonischen Tiefe noch mit dem Mythos der vaterländischen Götter verwachsen blieb. Mit der Menschheit hat der Mythos nichts gemein; ihn interessiert höchstens das Geschlecht, der Stamm, die Nation: auf die Menschheit hat kein heidnischer Mythos jemals den Blick gerichtet. Die Idee der Menschheit ist die Frucht der Idee der Gotteseinheit. Die Einheit Gottes bedeutet von vornherein nichts anderes als die Einheit der Menschheit. Der Eine Gott vereinigt die Eine Menschheit. Der Einzige Gott bildet sowohl den Gegensatz gegen die Vielheit der Götter, als auch gegen die Vielheit der Menschen und Völker. Es ist nur die unkritische Vorstellung, die wir mit den Büchern des alten Bundes zu verbinden gewohnt sind, daß die Propheten später kommen als die mosaischen Bücher. Es sind aber die Propheten, welche den Einzigen Gott entdeckten. Und sie entdeckten ihn an der messianischen Idee von der einstigen Einigung der Menschenwelt. Weil sie der mythischen Korrelation zwischen Mensch und Gott trotzten und an ihrer Stelle die Korrelation zwischen Mensch und Mensch in den Mutterboden der jüdischen Religion einwurzelten, vermochten sie die Einheit des Menschengeschlechtes, den höchsten, den letzten Gedanken der Sittlichkeit zu entdecken: die messianische Idee. In der Messiasidee gelangt erst der jüdische Gottesbegriff zu seiner Prägnanz und seiner höchsten Vollendung: in der Idee der Zukunft Gott bedeutet die Bürgschaft für die Realität der Sittlichkeit. Die Natur *st nicht Sittlichkeit, wie Sittlichkeit nicht Natur ist; aber dem Seinsollen bleibt das Sein der Natur nicht versagt. Die Sittlichkeit ist nichts Gegebenes, sondern etwas Aufgegebenes, ist Ideal und nicht Wirklichkeit. Aber sie wird Wirklichkeit; sie ist nicht Erfindung, Erdichtung, Phantom. Es besteht eine Korrespondenz zwischen den zwei Seinsarten, zwischen dem Sein des Sittlichen und dem Sein der Natur. Der jüdische Gott ist der Gott der Wahrheit: die Sittlichkeit ^t Wahrheit, weil Zukunft aller Wirklichkeit. Vielleicht charakteristischer noch als die Einzigkeit ist die Wahrheit für den Monotheismus gegenüber den Göttern des Mythos. Heft 4. ' iy

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