Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Deutschtum und Judentum [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 247 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101130-3102165--1536-3102225- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Deutschtum und Judentum 247 und Judentum zu versöhnen. Bezeichnet doch Cohen selber den Logos des Philo als „die größte Ablenkung, welche im Horizonte des Prophetismus denkbar ist: die Frage nach einem Mittler zwischen Gott und Mensch. Eine Profanierung der Transzendenz Gottes, wie sie innerhalb des prophetischen Monotheismus nicht schroffer gedacht werden kann" (Religion und Sittlichkeit, S. 39). Die philonische Gnosis konnte im Judentum keine Wurzeln fassen und mußte, wie die Ausläufer der Logos-Idee, in das Christentum münden. Überhaupt blieb die alexandrinisch-jüdische Theosophie ohne tiefgehende Wirkung auf den Werdegang des Judentums. Nicht weil uns viele Werke dieser Literatur verloren gingen: sie sind verloren gegangen, weil sie vergessen wurden, und sie wurden vergessen, weil sie einen apologetischen und somit nur zeitlichen Charakter hatten. Diese Literaturgattung stellt ein Flickwerk dar, die mißlungene Anstrengung gekünstelter Deutungen, die das Judentum vor dem Forum des Griechentums rechtfertigen sollten. Sie war eine Forderung der Stunde und konnte keine Dauerwerte schaffen. Die allegorischen und sibyllinischen Bücher mit ihrem gewollten, gezwungenen Kommentieren und Interpretieren — Interpretation ist das Instrument der Apologetik — haben keinen Eingang in das Judentum gefunden und erwiesen sich ohnmächtig in ihren synkretischen Versuchen, den jüdischen Inhalt in das griechische Gewand zu kleiden. Wohl ist der Einfluß Piatons und Aristoteles* auf unsere Religionsphilosophie nicht gering einzuschätzen, aber viel bedeutender ist der Einfluß, der vom Islam auf das jüdische Denken ausging. Cohen selber stellt dem Islam das Zeugnis aus, daß er ,,für das Judentum in seiner Philosophie die geistige Führung hat" (Der Begriff der Religion, S. 13). Kann man denn eine schöpferische Verbindung des Judentums mit dem Griechentum darin erblicken, daß die griechischen Wissenschaften als „Köchinnen und Salbenwürzerinnen" — wie Maimonides sich ausdrückt — in die Vorhalle unserer Gesetzeslehre eingeführt wurden, um unsere Religionsgesetze nach Bedarf auch rationell zu erklären und zu bekräftigen? Selbst beim Verfasser des ,,More Nebuchim" reichte der Einfluß der griechischen Philosophie nicht bis zur „Mischne Thora"; nur einleitend macht er von ihr Gebrauch; sein großes Lebenswerk, das für unser Gemeinwesen eine autoritative Kraft gewann, blieb in seinen Grundlagen und in seinem Lehrinhalt von der griechischen Ideenwelt unberührt. Und noch eines. Man kann von einer Einwirkung einer bestimmten Richtung der griechischen Philosophie auf das Judentum reden, nicht aber von einer Verbindung des Judentums mit dem Griechentum schlechthin: den Geist des Griechentums macht ja nicht ausschließlich die Lehre Piatos aus, der nur einer seiner Repräsentanten ist. Viele Kenner des Hellenismus, ü. a. auch Nietzsche, sehen in Plato und in der platonischen Moralphilosophie schon Zeichen der Dekadenz des späteren Griechentums. Gleichviel, die griechische Philosophie ist mit dem Idealismus Piatos und mit der „Idee des Guten" nicht erschöpft. Kann man aus ihr einen Heraklit, die Lehre von den Gegensätzen und den Grundgedanken „Der Krieg ist der Vater aller Dinge" streichen? Oder ist das Bild der griechischen Philosophie ohne die Lehre des lachenden Philosophen und ohne die Schulen der Zyniker und der Skeptiker vollständig? Hatten denn diese Philosophieen auch nur den geringsten Einfluß auf das Judentum? Wohl hat der Geist des Judentums den Einfluß des Neuplatonismus seit