Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Deutschtum und Judentum [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 246 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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246 Jakob Klatzkin: begründet sind, treten schwerwiegende Schlüsse auf, die sich der Kontrolle entzogen haben und dem Leser aufgezwungen werden. Die methodische Nachlässigkeit, mit der Cohen dieses Mal seinen Gegenstand behandelt, zwingt eigentlich den Kritiker, sich auf einige Randbemerkungen zu beschränken. Ich werde jedoch versuchen, diese Abhandlung Cohens auf Grund seiner grundlegenden Werke und gelegentlichen Aufsätze zu ergänzen und durch die gewonnenen Vergleiche Stützpunkte zu finden, um die neue Lehre des Philosophen auf ihre Folgerichtigkeit und ihren Wahrheitsgehalt untersuchen zu können. I. Judentum und Griechentum. ,,Dieses Dritte der Vergleichung — von Deutschtum und Judentum — bildet hier das Griechentum, mit dem Judentum wie Deutschtum sich schöpferisch verbunden haben, so daß beider Eigentümlichkeiten in dieser Verbindung zu neuer Kraft und Ausprägung kamen." Mit diesem Lehrsatz leitet Cohen seine Theorie vom Deutschtum und Judentum ein. Judentum und Griechentum galten uns stets als Gegensätze, als zwei Geistesursprünge und Lebenswurzeln, zwei Denk- und Empfindungsarten, zwei große Weltkonzeptionen und Kulturrichtungen, die in ihrer Wesenheit und ihren mannigfachen Gestaltungen sich gegenseitig begrenzen und noch immer der Versöhnung harren. Nun spricht Cohen mit einer Selbstverständlichkeit von einer Verbindung des Judentums mit dem Griechentum, ja von einer schöpferischen Verbindung. Er geht so weit, das Verhältnis des Judentums zum Griechentum dem Verhältnis des Deutschtums zum Griechentum gleichzusetzen; da mit dem Griechentum , Judentum wie Deutschtum sich schöpferisch verbunden haben". Vergebens suchen wir nach dem Beweismaterial, auf das sich diese völlig neue Lehre stützen mag. Gegen sie kann man aber sämtliche Werke Cohens anführen, in denen er, so oft er auf Judentum und Griechentum zu sprechen kommt, die tiefe Kluft zwischen den beiden Weltanschauungen niemals verkennt und nie den sonderlichen Gedanken einer schöpferischen Verbindung zwischen ihnen aufkommen läßt. Freilich gab es in unserer Geschichte eine Epoche, die einen Teil des Volkes unter den Einfluß der griechischen Kultur stellte. Wollte man aber das Judentum, das in seiner Wanderschaft von Land zu Land mit verschiedenen Volkskulturen in Berührung kam, nach den örtlichen und zeitlichen Einflüssen seiner Umgebung beurteilen, so könnte man in ihm allerlei Geistesverwandtschaft entdecken. Aber nicht vorübergehende Einwirkung und unorganische Vermengung, sondern Urverwandtschaft und wesenhafte Vereinigung sind für die Beurteilung der geistigen Zusammenhänge einer Kultur maßgebend. Eine solche quellenhafte Gemeinsamkeit besteht vielleicht zwischen Judentum und der Kultur Babylons, Assyriens, Arabiens; aber keineswegs zwischen Judentum und Griechentum. „Die Gegensätze sind hier grell gepaart, des Griechen Leichtsinn und der Gottesgedanke Judäas" (Heine). Der Jude Philo, dem Cohen die Rolle eines Mittlers zwischen Moses und Plato zuschreibt (Ethik des reinen Willens, S. 200; Der Begriff der Religion, S. 7), hat wohl das Christentum vorbereitet, vermochte aber nicht, Griechentum