Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 245

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
Deutschtum und Judentum [Rezension]
Date
1917-01-01
Page
245 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101130-3102165--1534-3102223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Jakob Klatzkin: Deutschtum und Judentum 245 DEUTSCHTUM UND JUDENTUM*) Eine Besprechung Die überaus erfinderische, aber wenig fruchtbare Literatur über „Judentum und . . . " oder „ . . . und Judentum" ist um eine neue Schrift bereichert worden. Diese Schrift erheischt eine besondere Aufmerksamkeit nicht allein wegen der hervorragenden Persönlichkeit des Verfassers, sondern auch wegen des neuen, jungen Themas. Sie beschäftigt sich mit einem Problem, das in den ersten Stunden des Weltbrandes und der verheerenden Geistesverwirrung geboren wurde. Sie gehört zur Kriegsliteratur, die auch in sittlicher Hinsicht, vornehmlich in Hinsicht wissenschaftlicher Disziplin und Wahrhaftigkeit die Zeichen der trüben Zeit trägt. Diese literarische Zugehörigkeit des Werkes und die Neuheit seines Themas lassen seine Tendenz von vornherein recht bedenklich erscheinen. Es wirft sich uns gleich die Frage auf: Wie soll man es verstehen, daß die Geistesverwandtschaft zwischen Deutschtum und Judentum erst in dieser Kriegszeit entdeckt wurde? Wie war es möglich, daß wir bisher von den vielen Banden, die zwischen der deutschen und der jüdischen Kultur bestehen sollen, keine Erkenntnis und keine Empfindung hatten? Wahrlich, jenes entwurzelte, ideologe Judentum, das nicht auf sich selbst beruht und daher von einem vor- oder nachgesetzten „und" immer in neue Beziehungen willkürlich gedrängt wird, war von jeher ein bequemer widerstandsloser Stoff für alle möglichen Theorien und eignete sich in seiner Anpassungsfähigkeit ausgezeichnet für die Vermittlerrolle, die man als seine geschichtliche Mission preist. Das abstrakte Judentum ist in seiner Elastizität dazu angetan, wechselweise Verbindungen einzugehen, die den Verhältnissen der Zeit oder des Ortes angemessen sind; ist vermöge seiner erklügelten Interpretationsmethode stets bereit, je nach aktuellem Bedürfnis mit einem wesensfremden Volksgeist sich zu paaren und je nach Erfordernis eine neue Verwandtschaft ausfindig zu machen. Kein Wunder, daß in dieser Zeit der Begriffs- und Rechtsverwirrung das Judentum als herrenloses Gut vogelfrei allen spielerischen und ernstlichen Unternehmungen ausgesetzt ist, die seine Ideen nach Forderung der Stunde in verschiedenen Ländern verschiedenartig kommentieren und in die fremde Gedankenwelt des Wirtsvolkes zwängen. So wurden Deutschtum und Judentum durch die Kriegsereignisse plötzlich wesensverwandt . . . Wenden wir uns nun der Schrift zu.t Vor allem muß von ihr gesagt werden, daß es recht schwer fällt, sie einer wissenschaftlichen Kritik zu unterziehen. Der Verfasser stellt Thesen auf, ohne sie zu beweisen. Er läßt sie als feststehende Grundsätze erscheinen, obgleich sie zum Widerspruch reizen. Die überraschendsten Gedanken, die das Kerngebilde seiner Ansichten über Deutschtum und Judentum bilden, wirft er flüchtig da und dort lose und unvermittelt hin, und wenn man sich anschickt, sie zu prüfen, findet man keinen Anhaltspunkt. Man vermißt jeden regelrechten Aufbau der Motive. Noch ehe die Postulate ausreichend *) Hermann Cohen, Deutschtum und Judentum (Von deutscher Zukunft, i. Stück). Verlag Alfred Töpelmann in Gießen, 1915, 2. Auflage 1916. (Der Aufsatz ist vor mehr als einem Jahr entstanden, konnte aber aus technischen Gründen nicht früher veröffentlicht werden; der Verfasser hat nach dem Erscheinen der 2. Auflage von Cohens Schrift einige ergänzende Stellen eingefügt. Anm. d. Red.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.