Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Rechtsstellung und innere Verfassung der Juden in Polen
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 243 (sequence 11)
- Language
- German
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Rechtsstellung und innere Verfassung der Juden in Polen 243 rufe, besonders dem Handwerk zuzuführen, damit sie nicht der Beschäftigung bar der Verwahrlosung anheimfallen. Das sind — in den allgemeinsten Umrissen skizziert — die Hauptgebiete, auf welche sich die segensreiche Tätigkeit der Judenlandtage in ihrer Blüteperiode erstreckte. Im Verlaufe des XVIII. Jahrhunderts sinkt allmählich die Autorität dieser Kongresse, so daß der Wa'ad sogar die Intervention der staatlichen Behörden in Anspruch nehmen muß, um die Durchführung namentlich der das Steuerwesen betreffenden Beschlüsse zu erwirken. Natürlich war mit dem Moment, wo Faktoren von außen angerufen werden mußten, um das moralische Ansehen des Wa'ad zu stärken, dieses selbst bereits erschüttert. Der immer schlimmere ökonomische Verfall der Einzelgemeinden tat das seinige hinzu, um die Beschlüsse des Wa'ad illusorisch zu machen, und als im Jahre 1764 der Judenlandtag, sowohl in Kronpolen wie auch in Litauen, offiziell von der Staatsbehörde aufgelöst wurde, so war diese Anflösung nur die Besiegelung einer in Wirklichkeit schon längst vollzogenen Tatsache. Das ist — in großen Zügen — das Bild, welches die siebenhundertjährige Geschichte der polnisch-litauischen Judenschaft in Hinblick auf die leitenden Motive und die Richtlinien ihrer Rechtsstellung in Staat und Gesellschaft wie auch ihrer inneren Organisationsformen gewährt. Es dürfte wohl nicht ganz ohne Nutzen sein, sich über die Phasen dieser mehrhundertjährigen Entwicklung zu orientieren und sie dem Bewußtsein einzuprägen in einem Momente, wo derselbe Teil der Judenschaft, der beinahe die Hälfte der Judenheit der ganzen Welt ausmacht, an einem neuen Wendepunkt seiner Geschichte steht. Wir sind Zeugen eines historischen Weltereignisses, das bislang der einzige Lichtpunkt dieses furchtbaren Weltkrieges ist*) und das eine grandiose Manifestation der in der Menschheitsgeschichte denn doch herrschenden Idee der Gerechtigkeit bedeutet: der vor 120 Jahren in Stücke gerissene polnische Staat ersteht zu neuem Leben. An diesem Ereignis nehmen auch die Juden Polens und Litauens, die mit vielhundertjährigen Banden aufs engste mit diesem Lande und Volke verknüpft, dessen Schicksale in guten und bösen Tagen mit Leib und Seele geteilt und die auch heute ihren väterlichen Boden zu Tausenden und Abertausenden mit ihrem Blute gedüngt haben, den lebhaftesten und unmittelbarsten Anteil. Schon werden die Fundamente zum neuen Staatswesen gelegt, schon werden die Umrisse der neuen Staats- und Verfassungsformen entworfen. Und inmitten dieser großen, zukunftsschwangeren Ereignisse tritt auch das Judenproblem als eine der brennendsten inneren Fragen des neuerstehenden Staates zum Vorschein. Es wird für beide Seiten gut sein, für das polnische Volk nicht minder wie für das jüdische, die Blätter der tausendjährigen gemeinsamen Geschichte aufzuschlagen und die Zeichen der Vergangenheit für die Zukunft zu deuten. Dieses Studium der Geschichte wird den einen wie den anderen manch lehrreichen Wink auch für die Gegenwart gewähren. Wenn je, so gilt es heute für Polen und Juden: Historia magistra vitae. *) Diese Zeilen waren vor dem Ausbruch der Revolution in Rußland niedergeschrieben, deren umwälzende Konsequenzen für die Judenschaft natürlich heute unübersehbar sind. [Korrektur-Bemerkung].