Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Nation und Partei
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 232 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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232 Moritz Bileski: Nation und Partei finden, aber er wird niemals eine dauernde, organische Gesamtheit mit anderen Gruppen bilden können, etwa in der Art einer Arbeitsteilung in Beziehung auf das nationale Ziel, so daß also der Zionismus nur einen Teil der Aufgabe übernehmen würde. Darin zeigt sich, daß der Zionismus auch den anderen nationalen Gruppen gegenüber keine Partei in einem größeren Kreise bildet. Die parteiähnlichen Beziehungen des Zionismus zu anderen nationalen Gruppen sind denn auch so zu erklären, daß zufällige räumliche oder zeitliche Verhältnisse für einzelne Gebiete oder Zeitabschnitte eine Einordnung neben andere Richtungen herbeiführen, ähnlich dem schon erwähnten Verhältnis einzelner zionistischer Landsmannschaften zu anderen Völkern. Auch hier handelt es sich immer um die besonderen Umstände einzelner Teile der Bewegung. Die besondere Konstellation rückt heute Teilbeziehungen dieser Art sehr in den Vordergrund. Auf den Gesamtcharakter der Bewegung wird dadurch ein Einfluß nicht ausgeübt. — Übrigens ist die Auffassung des Zionismus als Partei von zionistischer Seite im Verhältnis zu den anderen nationalen Gruppen kaum angewandt worden, offenbar weil auch die Zionisten, die den Zionismus als Partei betrachten, der Ansicht sind, daß der Zionismus in Wahrheit die umfassende und einheitliche, ungeteilte Bewegung des jüdischen Volkes ist.*) Die Übertragung des Parteibegriffs auf den Zionismus und seine politische Natur enthält einen Mangel an Erkenntnis der Notwendigkeit, mit der das politische Element aus der nationalen Grundkraft hervorgeht. Die zionistischen Politiker dieser Auffassung sehen die Lösung der Judenfrage in der Gelegenheit, Politik zu machen, so wie sie überall gemacht wird; und dazu braucht man in der Regel eine Partei. Aber diese Art des Politisierens fördert die jüdische Politik nicht, denn ihr fehlt die Klarheit über den Gegenstand, dem die Politik gewidmet ist. Gerade im jüdischen Nationalismus ist dieses Verhältnis zum Parteibegriff so deutlich gegeben, daß es schon längst überall erkannt sein müßte. Aber auch heute noch wird die Fahne der Partei fest und hoch gehalten, so daß es nützlich ist, die Richtigkeit des Ausgeführten durch eine Stimme zu bekräftigen, die auch gewiegten Politikern als Autorität gelten kann und eine unbefangene, weil ganz allgemein ausgesprochene Meinung wiedergibt. Delbrück äußert sich in seinem Buche „Regierung und Volkswille" auf S. 178: ,, . . . jede Partei ist eine Organisation, erfüllt von einem besonderen Geist, regiert von allgemeinen Prinzipien, die nicht unbedingt der Staatsidee untergeordnet sind. Alle Parteien *) Die Schwierigkeit dieses Gebietes wird dadurch gesteigert, daß es Richtungen im Judentum gibt, die zwar die nationale Auffassung anerkennen, aber andere Gesichtspunkte, z. B. soziale, der nationalen Frage voranstellen oder, diese mit Unrecht für erledigt haltend, auf national jüdischer Basis sich ausschließlich Aufgaben widmen, die ihre Bestimmung von anderen als dem nationalen Gedanken erhalten. Soweit diese Gruppen an der Lösung des nationalen Problems mitwirken, gilt für sie das oben Gesagte. Mit ihren außernationalen Zielen und Betätigungen stehen sie außerhalb des nationalen Aufgabenkreises, so daß in dieser Richtung gar keine Beziehungen zwischen ihnen und dem Zionismus, daher auch keine gegensätzlichen, und daher keine Grundlagen für ein parteimäßiges Gegenübertreten vorhanden sind. — Die anormalen Gestalten, die in der jüdischen Gegenwart auftreten, lassen sich für eine theoretische Betrachtung nur durch ein derartiges Selektionsverfahren erfassen, obwohl ihrer lebendigen Natur damit Zwang angetan wird. Das ist kein Beweis gegen die Theorie, sondern für die Unregelmäßigkeit und Unrichtigkeit mancher heute vorhandenen Erscheinungen.