Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Hechaluz, die neue Pionierbewegung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 225 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hechaluz, die neue Pionierbewegung 225 Die Ergebnisse, die die ersten Pioniere der jüdischen Kolonisation unter den schwersten Bedingungen erzielt haben, sind der beste Beweis der im Juden bestehenden Fähigkeiten zu einem neuen Naturleben und zu neuen Natureroberungen. Die Kolonisation zeigt in miniaturhafter Form, was das ganze jüdische Volk in einem großartigen Maßstabe zu erreichen imstande ist. Zugleich mit seinem Sieg über die Natur ist der Jude durch sie besiegt worden. Das instinktive Liebesgefühl zur Erde, zur Mutter Erde, ist in ihm erwacht. Der Jude ist wieder ein natürlicher Mensch geworden. Und nicht nur über die Natur hat er gesiegt, er hat auch eigene gesellschaftliche Einrichtungen geschaffen. In 4er neuen Siedlung ist ein Geist des Mutes und der Selbständigkeit entstanden. Jede Kolonie, jede Gemeinde, jede Arbeitergruppe hat eine demokratische innere Verwaltung ausgebildet und die verschiedenen administrativen, kulturellen und technischen Probleme mit eigenen Kräften selbständig gelöst. Darin besteht die innere Revolution des jüdischen Lebens. Nach einem zwei tausend jähr igen Starrkrampf ist in dem Juden nicht nur das Streben, sondern auch die Fähigkeit zu einem natürlichen Leben der Arbeit und der Selbständigkeit erwacht. Unsere Aufgabe muß es sein, daß die doppelte Umgestaltung, die Palästinas und die des jüdischen Lebens, die vorbildliche Tat der ersten Pioniere emporreißend wirke; daß an die Stelle der verschiedenen Kolonien und Farmen eine einzige Siedlung trete, deren Name Erez Israel ist, an die Stelle der verstreuten Pioniere ein einziger, dessen Name das jüdische Volk ist. Selbstverständlich kann solch eine Aufgabe nicht ohne die äußerste Anstrengung aller Volkskräfte, des Kapitals, der Arbeit, — der Menschen — durchgeführt werden. Hier kommen wir zum wichtigsten Punkt: die Lösung des Judenproblems in Palästina kann nur dann gelingen, wenn die Arbeit tatsächlich eine jüdische sein wird. Die ersten Pioniere hatten natürlicherweise keine Ahnung davon, daß bei der Kolonisation große soziale Unterschiede zwischen Kolonisten, Arbeitern, Pächtern bestünden. Der Dichter singt: „Dort wirst du sein — was immer du bist — eins ist gewiß: Ruhe wirst du finden: ein Gärtner, ein Winzer, ein Bauer, ein Hirt — ein Müßiggänger nicht mehr." Der Dichter wußte noch nicht, daß man ein jüdischer Kolonist sein und einen Jüdischen Hirten und sogar auch einen jüdischen Arbeiter nicht einmal zu sehen bekommen kann. In der Tat sind jüdische Kolonisten entstanden, die nicht mehr als rechtliche Besitzer ihrer Wirtschaft sind, aber keine produktive Funktion erfüllen. Ihre Weinberge und Felder lassen sie durchweg von Arabern bearbeiten. Dabei besteht doch ein gewisser Unterschied zwischen den ackerbautreibenden Kolonisten (hauptsächlich in Galiläa) und den Plantagebesitzern. Die ersteren haben eine unmittelbare Beziehung zu ihrer Wirtschaft und ihrer Arbeit. Sie arbeiten selbst, zumeist mit ihren Kindern, und der Lohnarbeiter spielt da nur die Rolle eines Gehilfen. Sie beschäftigen daher keine große Zahl von Arbeitern, außer in der Erntezeit. Anders ist es in den Plantagen. Dort werden regelmäßig zahlreiche Arbeiter beschäftigt, und das Jahr hindurch ar-