Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Hechaluz, die neue Pionierbewegung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 224 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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224 J. Ben-Zwi: sich selbst gegründet sei. An Stelle der überflüssigen Vermittlerschicht muß sich eine Klasse produktiver Bodenarbeiter sowie industrieller Arbeiter, Techniker, Agronomen usw. herausbilden. Das Volk muß selbständig eine nationale und allgemeine Kultur entwickeln; es muß Volksschulen, Mittel- und Hochschulen für Bildung und technische Fertigkeiten gründen, eigene Formen der Verwaltung, der Gerichtssprechung und alle übrigen Organe, die zu einem lebendigen Volksorganismus gehören, zur Ausbildung bringen. Die Erwerbung all dieser Eigenschaften ist ein schwerer Prozeß, der eine mehr oder minder lange Zeit dauern muß. Es gibt viele Pessimisten, die fragen, ob man der natürlichen Schwierigkeiten auf diesem Gebiete Herr werden könne; ob es für ein Volk, das nahezu zweitausend Jahre von der Landwirtschaft und einem selbständigen Leben abgeschnitten war, möglich sei, diese Eigenschaften von neuem zu erlangen. Und diese Frage ist in der Tat nicht weniger wichtig als alle, die äußere Hindernisse und Schwierigkeiten betreffen. Sie beantworten heißt die wichtigere Hälfte des ganzen Problems beantworten. Die Frage aber kann nicht mit Wortdebatten erledigt werden, sondern nur mit Tatsachen des Lebens. Zu unserem Unglück hat die jüdische Kolonisation nicht vor einigen Jahrhunderten begonnen, aber zum Glück haben wir doch schon die Geschichte einiger Jahrzehnte jüdischer Siedlungstätigkeit, und wenn die Ergebnisse auch nur gering sind im Vergleich damit, was zu tun ist, sind sie doch genügend, um von dem Bestände großer Kräfte und Möglichkeiten, die in unserem Volke verborgen sind, Zeugnis abzulegen. Die ersten jüdischen Pioniere sind vor etwa dreißig Jahren aus dem fernen Rußland gekommen. Sie waren Städter, der Natur und dem natürlichen Leben entfremdet. Zumeist waren sie der körperlichen Arbeit völlig entwöhnt, Studenten, Handelsangestellte usw. Das Land war wüst und verlassen, die Bevölkerung wild und fremd, ihre Sprache, ihre Sitten und Gebräuche seltsam und unverständlich. Es gab keinen Vorgänger, keinen Wegweiser. Die einzige jüdische Kolonie, die zu jener Zeit existierte, war Mikweh-Israel. Aber nichts hielt die ersten Pioniere in der Erfüllung ihrer Absicht zurück, nichts schreckte sie ab. Fern von den Städten siedelten sie sich an, oft mußten sie monatelang in Höhlen oder unter freiem Himmel wohnen. An vielen Orten hatten sie überdies einen angespannten bitteren Kampf mit der Natur zu bestehen, mit den Sümpfen und Fiebern, mit dem schrecklichen gelben Fieber, und sie haben gesiegt. Neue Brunnen und Kanäle haben die frühere Wüste bewässert, die in einen wahrhaft blühenden Garten verwandelt wurde, bepflanzt mit Orangen und Palmen, mit Mandeln und Oliven. An die Stelle des Sandmeers traten Wälder und Weinberge, die den Boden kräftigten. Die nackten Berge und Felsen bedeckten sich mit Grün,* die todverbreitenden Sümpfe wurden ausgetrocknet und Millionen von Eukalyptusbäumen darauf gepflanzt. Nur die Grabsteine auf dem Friedhof von Chederah bekunden, daß es ohne Opfer keinen Sieg auf der Welt gibt. Der Mensch hat die Natur besiegt, die Jahrhunderte hindurch verlassen und verwildert gewesen war. Dieser Mensch war der Jude. Ohne die Unterstützung irgend einer Regierung, ohne die Hilfe einer äußeren Macht hat er ein doppeltes Wunder zustande gebracht: den Sieg über die Natur und eine Umwälzung im jüdischen Leben.