Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aktivierung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 221 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Aktivierung 221 deren Programm kann noch keine Klarheit herrschen. Es geschieht zuerst eine gewisse Vorreinigung der Atmosphäre, und es wird sich wohl bald deutlicher abzeichnen, auf welchem Boden ein Zusammenschluß möglich und auf welchem ein Kampf notwendig ist. Für Österreich wäre die Frage eigenen nationalen Auftretens von besonderer Entscheidungskraft, weil im Nationalitätenstaat ein jüdischer Kongreß nicht zusammentreten könnte, ohne irgendwie die Stellung und die Aufgabe der Juden unter den anderen Völkern des Reichs — nicht unter den Religionsgesellschaften — zu berühren und von dieser Fragestellung aus Forderungen zu stellen und den Willen zu ihrer Durchsetzung zu organisieren. Die jüdisch-nationale Bewegung in Österreich hat schon einmal eine Zeit schnellen Aufschwungs erlebt, als unter dem Einfluß der ersten russischen Revolution das allgemeine Wahlrecht eine Demokratisierung der jüdischen Öffentlichkeit einzuleiten begann. Seither kam ein Rückfall, gegen den die entschlossenen nationalen Kreise, in Sonderheit die Zionisten nur dadurch sich zu behaupten wußten, daß sie zu einer strengen Selbsterziehung sich entschlossen und so einen starken Kern für einen kommenden Umschwung formten. Vielleicht ist dieser Umschwung jetzt bald möglich, wie auch im allgemeinen öffentlichen Leben Österreichs kurz nach der geglückten Revolution in Rußland eine neue Wendung zum „Geist jener wahren Demokratie" stattfindet. Auch in Deutschland melden sich Stimmen für einen Zusammenschluß des ganzen deutschen Judentums. Es ist begreiflich, daß ein solcher Zusammenschluß als eine Notwendigkeit der Zeit empfunden wird. Aber man muß sich darüber im klaren sein, daß er nur dann einen über das Augenblickliche hinausweisenden Sinn hat, wenn er in dem Geist erfolgt, der den erneuernden Aufbau der jüdischen Gemeinschaft fordert. Das Programm, das nichts anderes als eine zweckmäßige und energische Abwehr des Antisemitismus vorsieht, ist zu negativ und nicht imstande, eine tiefgehende Bewegung zu entfesseln, die neue Kräfte im Innern entbindet und im Zusammenhang damit auch nach außen hin politische und geistige Autorität setzt. Jedes Programm wird ungeeignet sein, welches die Forderungen der an einer neuen Gemeinschaftsbildung arbeitenden Kräfte übersieht und umgeht. Es ist aber heute schon sicher, daß sich in diesen Forderungen nicht nur die Zionisten und die ihnen näher stehenden Kreise zusammenfinden. In der ganzen jüdischen Jugend Deutschlands ist eine neue Bereitschaft aufgewacht, den bisher so scharf bekämpften Zionismus und Nationalismus anzuerkennen und ihm in entscheidenden Punkten der eigenen Lebensgestaltung zu folgen. Es wäre schon ein Großes, die Verbindung mit diesen Kreisen nicht etwa auf dem Wege eines lahmen Kompromisses, sondern durch eine vollgültige Verständigung in der Idee herbeizuführen. Eine solche Tatsache würde allen, die hören wollen, beweisen, daß der vielgeschmähte Radikalismus schon auf seinem Wege bis zu dieser Stunde Positives geschaffen hat. Auch hier hat er den Boden gelockert und auch hier können sich über Nacht vielleicht Wandlungen vollziehen, die für die Zukunft des deutschen Judentums von grundlegendem Wert sind. Auch in Deutschland und in Österreich haben die zionistischen Organisationen, die man seit jeher in der ersten Reihe solcher Kämpfe auftreten zu sehen gewöhnt war, sich bisher zurückgehalten. Umso deutlicher wird es gegebenenfalls nach außen werden, daß nicht eine künstliche und rein technisch organisierte Kund-