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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 4 · p. 220

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 4
Article
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Date
1917-01-01
Page
220 (sequence 4)
Language
German
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220 Leo Herrmann: wegung ein gewaltiger Zuwachs an Menschen und Wirkungsmöglichkeiten entstanden. Die Kraft des siegreichen Gedankens ist sogleich vor eine Fülle naher und fernerer Aufgaben gestellt worden. An ihrer Durchführung wird sie sich zu bewähren und rein zu halten haben. Dem ganzen Ursprung der Bewegung gemäß war es, daß sich die erste Aufgabe an die bisher von den Notabein allein geleistete Arbeit der Hilfe für die notleidenden Brüder anschloß. Die Hilfe war bisher eine philanthropische und im besten Fall eine soziale, wenn sie Mittel anwendete, die aus der sozialen Praxis anderer Völker entlehnt werden konnten. Jetzt aber kommt der Entschluß hinzu, diese Hilfe zugleich eine nationale sein zu lassen, sie einzurichten und anzupassen an die Besonderheit der äußeren und inneren Situation der jüdischen Volksgruppe. Man will nicht mehr ohne Überprüfung die Autorität der Anschauungen und Schichten anerkennen, die auch außerhalb Amerikas bisher das offizielle Gesicht des Judentums bestimmt haben. Dadurch entsteht eine schon mehr als unterirdische Verbindung zwischen den neuen Führern des amerikanischen Judentums und den Elementen in den jüdischen Volksteilen in Europa, welche lange im Schatten standen und sich doch allmählich als eine beachtenswerte Opposition durchgesetzt haben. Durch den Sieg in Amerika stieg aber auch ihre ideelle und politische Bedeutung auf einmal so stark> daß man heute von einem schon sich sichtbar erfüllenden Sieg der demokratischen nationalen Bewegung im Judentum sprechen kann. Diese Bewegung bekennt sich ohne Rückhalt zur jüdischen Gemeinschaft und ihrem Solidaritätsbewußtsein und bekennt zugleich, daß diese Gemeinschaft nicht eine feststehende Tatsache ist, um die sich nur Betrachtung und Erkenntnis zu kümmern haben, sondern daß sie eine große Aufgabe ist, die das Gewissen und den Willen angeht. So spannt das Bekenntnis zur jüdischen Gemeinschaft, zur jüdischen Solidarität ein gewaltiges Band durch die Welt und die Spannung der Tatbereitschaft erfüllt jede große jüdische Gruppe und reißt Tag für Tag neue Menschen an sich. Es ist eine vielleicht zur vollen Erfüllung in unserer Zeit noch nicht reife Verheißung, wie große Erschütterungen im Judentum immer wieder die neuen zur Verwirklichung der Idee entschlossenen Menschen aufrufen und die alten Autoritäten stürzen. Wer offenen Sinnes in der Mitte dieses jüdischen Geschehens steht, wird vielleicht gewisse Analogien zur Revolution finden. Wird eine solche Erschütterung auch durch das österreichische und deutsche Judentum gehen? Die eingesessenen Führer, die diese jüdische Gruppen im Innern und nach außen repräsentieren und bisher die Entscheidung über die Haltung des Judentums hatten, weil sie die Verwaltung in den jüdischen Gemeinden und in den großen Verbänden führten, scheinen zu glauben, daß hier Wiederholungen ausgeschlossen seien. Sie haben recht, wenn sie an nichts anderes denken als an die geistige und politische Verfassung des deutschen und des österreichischen Juden, der bis jetzt die Majorität und damit die Autorität des offiziellen Judentums ausmachte. Aber vielleicht werden auch hier Überraschungen möglich sein. Auch in Österreich und in Deutschland scheint der Boden ein wenig zu zittern. Schon gibt es Ansätze, noch nicht zielbewußt organisierte Ansätze, die gerade in Anlehnung an die jüdischen Kongreßbewegungen in anderen Ländern auch hier solche Kongresse durchsetzen wollen. Über

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