Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aktivierung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Aktivierung 219 ersten Male in unseren Tagen wieder das ganze jüdische Volk von jeder bürgerlich-rechtlichen Beschränkung befreit sein — ein Volk von freien Männern, die vor niemand sich zu beugen haben. Kräfte werden lebendig und sichtbar werden, die dem jüdischen Namen Würde und Ehre bringen werden, eine politische Reife wird sich offenbaren, die auch dem Gegner wird beweisen können, daß wir aufs neue daran gehen, unser Wort zur Geschichte der Menschheit zu sagen. Das russische Judentum vermag kraftvoll zu zeigen, daß wir als Volk leben und leben wollen. Das Beispiel wird weiter wirken. In Polen und in Galizien, in Rumänien und in Amerika wird das jüdisch-nationale Wollen eine Stärkung erfahren, die Widerstände besiegen wird, welche bisher unüberwindlich schienen. Der Prozeß muß um so durchgreifender sich vollenden, als ohnedies Tendenzen zur Aktivierung des schaffenden nationalen Judentums auf allen Seiten sich durchzusetzen begonnen haben. ' Der Boden ist seit langem schon aufgelockert worden im Kampf mit der der Erneuerung abholden, die Erschütterung fliehenden Schicht, gegen die der Angriff des nationalen und demokratischen Judentums gerichtet war. Aber die Begebenheiten haben das vielleicht noch nicht für jetzt erwartete Ergebnis gehabt, daß sich der Sieg der neuen Gedanken mehr auf dem Weg schneller Umwälzungen als langsamer Entwicklungen vollzog. Auch der jüdische Spießbürger sah sich ratlos vor Entscheidungen gestellt, denen er sonst mit zäher Beharrlichkeit aus dem Wege zu gehen wußte. Und die jüdische Jugend war ja doch seit zwanzig Jahren in allen Ländern bemüht, die innere Emanzipation durchzuführen. Am sichtbarsten und zuerst geschah der Zusammenprall in Amerika. Man soll nicht glauben, daß die Bewegung des jüdischen Kongresses in den Vereinigten Staaten nur parteipolitische Bedeutung habe, oder auch als nichts anderes gewertet werden solle, denn als der siegreiche Kampf einer nationalen und demokratischen Richtung. Das wären für die Größe der Erscheinung allzu äußerliche Aspekte. Sie wird nur begriffen, wenn man sich im klaren bleibt, in welcher jüdischen Atmosphäre diese Kongreßbewegung sich vollzieht. In Amerika sind die Geschlechter und Schichten des Judentums durcheinandergekommen. Die Wanderung und die Schnelligkeit sozialer Verschiebungen haben gerade dort längst schon dazu geführt, daß selbst die autokratische Führung des Judentums gewohnt war, sich ihre Bestätigung immer wieder von dem Volk zu holen. Der Umschwung geschah, als während des Krieges die Gelegenheit kam, diesem Volk zu sagen und zum Bewußtsein zu bringen, daß diese Bestätigung nicht mehr möglich sei ohne die Anerkennung der Souveränität des jüdischen Volkes, das mehr, als seine „Führer" zu ahnen vermögen, von den ewigen jüdischen Ideen geleitet wird. Es war nicht nur ein Kampf politischer Parteien, sondern auch ein Kampf der Ideen, der die jüdische Kongreßbewegung in Amerika zu einer denkwürdigen Epoche macht. Das Resultat läßt sich in kurzen Zügen zeichnen. Eine einheitliche Repräsentanz des gesamten amerikanischen Judentums ist vorbereitet. Der Kampf um sie hat den Ideen die Oberhand gebracht, welche die Einheit des Judentums im nationalen Sinn verkünden und seine Erneuerung durch die Schaffung eines Volkszentrums in Palästina erhoffen. Ihnen ist durch die ins Weite greifende Be- 15*