Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aktivierung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 218 (sequence 2)
- Language
- German
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2l8 Leo Herrmann: russischen Juden zuzumuten, ihren Eigenwert aufzuopfern, damit auch ihnen die Gnade der Emanzipation zuteil werde. Aber wir wollen auch dessen eingedenk sein, wie die russischen Juden uns immer wieder zu zeigen wußten, daß ihr Geist stärker war als die Menschlichkeit des verderbten Westens. Von ihnen lernten wir den neuen Glauben an die unzerstörbare Kraft unseres Volkstums, von ihnen empfingen wir den Mut, auf die befreiende und weltumgestaltende Tat des Willens zu hoffen, der sich niemals dem äußeren Zwang fügen wird. Wir zogen mit den Deportierten nach Sibirien, litten mit den politischen Verbrechern in den russischen Verließen, kämpften mit dem jüdischen Arbeiter und Revolutionär und fanden uns mit dem russischen Juden in der echten und lebensvollen Gemeinsamkeit des Volksideals. Das russische Judentum ist frei! Können wir die ganze Größe des Geschehens schon erfassen? Oder ist es uns selbst nicht noch wie ein Traum? Inzwischen hören wir, wie es geschah. Und wir erkennen, daß dem russischen Judentum nichts geschenkt worden ist: es hat die Emanzipation — wie schal ist das Wort geworden! — nicht aus der Hand eines Befreiers dankbar entgegengenommen; in der ersten Stunde seiner Freiheit verkündete es stolz und mannhaft, daß es sich diese Freiheit selbst errungen hat und das Recht auf die bürgerliche Gleichberechtigung nicht mit dem Verzicht auf die nationale Freiheit zu bezahlen gesonnen ist. Wie enttäuscht sind die, welche sich nicht vorzustellen vermochten, daß ein bürgerlich befreites Judentum noch nicht zufrieden sein könnte! Sie pflegten den Wahn, daß die russische Judenheit, das Objekt ihrer Wohltätigkeit, im Taumel des Freiheitsrausches sich aller nationalen Forderungen begeben und endlich die Menschheit von dem Schreckbild einer nach der Entfaltung ihres Volkstums lechzenden jüdischen Gemeinschaft erlösen werde. Statt dessen schließen sich die Juden Rußlands selbstbewußt zusammen, ihre Stimme tönt im Chor der russischen Minoritätsvölker, denen nationale Sicherung gewährt werden wird, ihre Vertreter sitzen als Abgesandte des jüdischen Volkes im Rat der Arbeiter- und Soldätendeputierten, in die die Konstituante vorbereitende Kommission wird ein Sachwalter des jüdischen Volkes berufen, schon wird ein jüdischer Kongreß in Rußland vorbereitet, der die wahrhafte demokratische Vertretung des gesamten russischen Judentums sein wird — das russische Judentum ist frei und ist national! Es wäre undankbar, nicht davon sprechen zu wollen, daß die große Befreiungstat des russischen Judentums, eine Frucht seiner eigenen Selbstbefreiungsarbeit, auch das russische Volk ehrt, das in wahrhaft menschlicher Größe seine Sendung erfüllt. Die Wissenden haben immer behauptet, daß der Russe am besten von allen Völkern verstehen werde, der Selbstbefreiungstat des jüdischen Volkes Raum zu geben, wenn er selbst von der schmachvollen Herrschaft des Zarismus und der Bürokratie befreit sein würde. Sie haben recht gesehen und richtig vorausgesagt. In dieser Haltung des russischen Volkes liegt — mögen Rückschläge welcher Art auch immer noch kommen — eine starke Gewähr, daß das Wollen des nationalen Judentums in Rußland siegreich sein wird. Die Befreiung des russischen Judentums gilt nicht ihm allein, sie gilt dem ganzen jüdischen Volke. Wer wagt noch zu zweifeln, daß das große Beispiel im Osten auch für jene kleineren Gruppen unseres Volkes wirksam werden wird, die heute noch von der Vollberechtigung ausgeschlossen sind? So wird zum