Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aktivierung
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 217 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101130-3102161--1500-3102195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
AKTIVIERUNG Politische Rundschau Die Befreiung des russischen Judentums durch die russische Revolution steht im Anfang einer neuen Aera unseres Volkstums. Die Größe dieses Ereignisses kann nur erfaßt werden, wenn man ganz lebendig fühlt, aus welcher Bedrückung und Schmach das russische Judentum zum Licht der Freiheit gestiegen ist und in welche Zukunft diese Freiheit weist — und wenn man dabei doch nicht vergißt, daß sie eine durch tausendfältige, blutige Opfer errungene Selbstbefreiung ist. Seit Jahrzehnten füllte unsere Zeitungen die furchtbare Rubrik „Aus der russischen Hölle". Manche hatte die Mahnung, Tag für Tag wiederholt, gegen das unerträgliche Leiden der ostjüdischen Volksgenossen fast schon abgestumpft. Das war für uns nationale Juden vielleicht die schauerlichste Erfahrung, daß unsere Nebenmenschen, auch solche jüdischen Stammes, allmählich sich daran gewöhnt hatten, im Ostjudentum ein zum Leiden verurteiltes Volk, eine Masse zu sehen, die nur Objekt des Mitleids und der philanthropischen Hilfe sein könne. Wir wußten und bekannten, welche Kräfte im russischen Judentum ruhen. Wir waren stolz auf diese Kraft des jüdischen Volkstums, die die russische Hölle nicht zerbrechen konnte. Und unser Gefühl der Verbundenheit mit dem russischen Judentum war so stark, daß viele auf seine Erneuerungskraft ihre eigene Hoffnung setzten. Aber das russische Judentum blieb trotz aller heroischen Opfer und Kämpfe geknechtet und entrechtet. Wer wagte noch daran zu glauben, daß dieser Knechtschaft in unseren Tagen ein Ende bereitet würde? Hatte sich die Menschheit nicht daran gewöhnt, auf den russischen Juden herabzublicken? Wie war die Gloriole verblichen, die das Haupt der „Schnorrer und Verschwörer" verklären mußte! Universität auf Universität versperrte im Westen ihre Tore dem einlaßheischenden, wissensdurstigen jüdischen Studenten aus Rußland, Professoren und Hörer schlössen sich einmütig zusammen, um ihm den Eintritt zu sperren. Von Land zu Land irrte der jüdische Wanderer aus Rußland, nirgends fand er Heim und Willkommen — und in Rußland jagte ein Pogrom den anderen, ein Ritualmordprozes löste den andern ab, die Prozentnorm hielt den Geist in Ketten, der Ansiedlungsrayon potenzierte von Jahr zu Jahr Verelendung und Verkümmerung. In schwachen Zuckungen schien der vom Zarismus niedergetretene jüdische Aufruhrgeist der Revolution zu sterben. Wir wollen nicht vergessen, wie wir Nationaljuden im Westen alle Kräfte anspannten, um das Gewissen der „Kulturmenschheit" aufzurütteln — und wie wir manchmal beinahe doch verzagten, wenn wir sahen, daß das Joch nicht leichter wurde, daß der Zarismus Bundesgenossen und Beschöniger warb und fand, daß selbst Juden ihm ihre Mithilfe liehen. Denken wir nur jetzt auch noch an die ohnmächtige Empörung, die uns erfaßte, wenn man unsere Klage nicht mehr hören wollte, wenn die Leichtfertigkeit der Welt sich schließlich noch vermaß, den Heft 4. 15