Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Syrien als Wirtschaftsgebiet [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 213 (sequence 4)
- Language
- German
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Bücherschau 213 aus den Balkanstaaten und Rußland. Ob aber bei den neuen freiheitlichen Verhältnissen gerade dieser Gebiete die Neigung, die bisherigen Heimstätten zu verlassen, groß sein wird, ist mindestens zweifelhaft, zumal das Klima Syriens sehr von dem ihrer Heimat abweicht und auch die Fruchtbarkeit des Landes im allgemeinen keine größere ist. Was die Bewässerungskulturen betrifft, so erfordern sie so große Kapitalanlagen, daß auch im allergünstigsten Falle für wirklich große Anlagen genügende Kredite seitens der Türkei nicht aufzubringen sein werden; ja auch schon für die unbewässerten Baumpfianzungen gilt dasselbe. Man wird also, mit Ausnahme des im Verhältnis zu ganz Syrien doch kleinen jüdischen Siedlungsgebietes und vielleicht des durch in Amerika reich gewordene Syrer zu bepflanzenden Libanongebirges mit einer ziemlich langsamen Entwicklung rechnen müssen. Infolge aller dieser Umstände können aber auch die auf der Produktion der Landwirtschaft sich aufbauenden Industrien nicht schnell genug aufblühen, mit Ausnahme derjenigen, die schon jetzt genügend vorhandene Rohstoffe verarbeiten und nur durch die Kapitulationen bisher behindert waren, sich auszudehnen, was aber nur für ganz wenige Industriezweige, z. B. für Woll- und Häutebearbeitung, gilt. Höchstens ließe sich vielleicht bei Verzichtleistung auf Einwanderung der Baumwollbau einigermaßen schnell entwickeln, da die sicher noch lange hoch bleibenden Preise ein großes Lockmittel sein werden. Aber der Baumwollbau, der viel Land und Arbeitskräfte erfordert, läßt sich nur auf Kosten des Getreidebaus ausdehnen, also ohne sehr großen Vorteil für die Gesamtwirtschaft. Dagegen wird die Entwicklung des Landbaus der Fellachen zu modernen Formen und zu wesentlich vermehrtem und intensiviertem Anbau sicher einer sehr langwierigen Erziehungsarbeit benötigen; auch wird es noch großer Vorstudien bedürfen, bevor man die Methoden der Verwandlung der alten dem Lande gut angepaßten Wirtschaftsformen wirklich sicher zu beherrschen imstande sein wird. Die Entwicklung der Konservenindustrie würde von derjenigen des Obst- und Gemüsebaus abhängen, die Möglichkeit, eine größere Zuckerindustrie gerade in Syrien ins Leben zu rufen, will mir überhaupt nicht recht einleuchten, da dort die dazu nötigen großen zusammenhängenden Flächen fehlen. Im allgemeinen bevorzugt nämlich diese Industrie die Zentralisation in besonders dafür geeigneten Distrikten. Der Gedanke der türkischen. Regierung, in jedem Gebiete der Türkei eine Zuckerfabrik zu errichten und nur diese zu konzessionieren, ist gleichfalls kein sehr glücklicher. Auch würden die wenigen Zuckerfabriken, die bei der Durchführung des Planes der Regierung auf Syrien kommen, wirtschaftlich außer für Deckung des Lokalkonsums von nicht sehr großer Bedeutung sein. Meines Erachtens sollte man also in dieser Beziehung in Syrien lieber auf kostspielige Versuche verzichten, zumal diejenigen Gegenden, die dafür in Betracht kommen könnten, gerade die besten Gebiete des Getreidebaus sind. Anders verhält es sich mit dem Tabaksbau, da dieser sich sehr wohl auch für kleine Parzellen eignet und, falls das Produkt hochwertig ist, in dieser Form den kleinen Bauern einen schönen Nebenverdienst zu bringen vermag. Dagegen sei neben dem Tabak noch auf einige andere Handelspflanzen hingewiesen. Bohnen und Sesam werden ja in Syrien schon in großer Menge gebaut; dazu würde dann aber noch die Sojabohne und Rizinus, sowie Lein und Hanf hinzukommen, Lein vielleicht mehr wegen der Leinsaat wie als Faserpflanze. Auch verspreche ich mir, unter der Voraussetzung, daß genügend Arbeiter dafür zu erlangen sind, in der tief gelegenen Jordansenke Erfolge von der Sisalhanfkultur, die sich aber freilich nur als Großkultur mit bedeutendem Anlagekapital erfolgreich betreiben läßt; andererseits nimmt sie aber hier anderen Kulturen keinen Raum fort, da das für Sisal geeignete, immerhin schon für mehrere Großpflanzungen genügende Land sich nur schwer anderweitig wird verwenden lassen. Schließlich ist es nicht unwahrscheinlich, daß sogar die Aufforstung mit schnell wachsenden Bäumen in manchen holzarmen Gebieten selbst für den Privatmann rentabel sein dürfte; mindestens sollten alle größeren Landbesitzer für die eigenen Gebrauchszwecke einen kleinen Forst anlegen; dadurch würde der ganze Charakter des Landes sich auch äußerlich mit der Zeit ändern und einen wohnlicheren und dem Auge wohltuenderen Eindruck machen, als es bisher der Fall war. Daß die Regierung durch Aufforstung der Abhänge und kahlen Höhen der Gebirge ein sehr nützliches und für die Zukunft ungemein wichtiges Werk schaffen würde, braucht kaum erwähnt zu werden. Alle diese erwähnten Kulturen würden dann mit der Zeit auch wieder die Grundlage neuer Industrien bilden, während die industriellen Möglichkeiten für die Gegenwart, wie gesagt, recht beschränkt erscheinen. Man sollte sich demnach keinen zu großen Erwartungen in.