Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Juden und Deutsche
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 206 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Bemerkungen in der Fremde sich anzusiedeln ohne sein Selbst aufzugeben (wie es der Deutsche tat und tut); er trifft sich mit dem Franzosen in der Neigung und Lust an klaren geistigen Scheidungen und in der Entgötterung und Rationalisierung desLebens, mit dem Spanier in der strengen starren Religionsausbildung, unter der eine wildfarbene Mystik schwelt, mit dem Briten in der Kolonisierung und großartigen Ausweitung wirtschaftlicher Anlagen und in der praktisch tüchtigen Beherrschung des technischen und ökonomischen Betriebs der modernen Gesellschaft, mit dem Holländer in der liebevollen Breite und Eminenz des häuslichen Lebens, des Essens und Trinkens, und mit dem Slawen in der sehnsüchtigen Trauer des Liedes und in vielen Elementen des Denkens und des Alltags, wie zahlreiche bedeutsame Lehnwörter aussagen, die aus Slawensprachen in die jüdische übernommen worden sind. Aber man behauptet ja, daß gerade der neuzeitliche Deutsche fundamental fuße auf Schöpfungen der altjüdischen Kultur, ausgeprägt in religiösen, sittlichen und sozialen Postulaten und übernommen durch das Medium der Reformation und des Humanismus. Böhm wird mir gestatten, über die groteske Behauptung, die deutsche Art der Liebe und Liebeslyrik fuße auf den Psalmen, zu schweigen; das Andere aber fordert kritische Bemerkungen. Wenn man einmal Deutschtum und Protestantismus gleichsetzt, eine Gleichung, die auf beiden Seiten nicht aufgeht, da es eine sehr deutsche Form des Katholizismus gibt und sehr protestantische Bildungen skandinavischen, französisch-helvetischen und britischschottischen, also auch keltischen Protestantismus — wie kann man übersehen, daß zwar jüdische Ordnungen, Gebote und Einrichtungen die Grundlage dieser Neugestaltung bilden, und daß sie an sich, seien sie nun alttestamentarisch oder urchristlich, dem jüdischen Genius elementar entströmen: daß sie aber angeschaut sind, schon vor der Übernahme, mit jenen spezifisch deutschen Augen, die hier ganz andere Tatsachen sehen als der Jude, der sie gleichsam von innen her erfaßt. Der Deutsche hat das Christentum im Grunde nie anders erblickt als jener Franke Chlodwig oder der Dichter des Heliand. Das innige Bemühen Luthers hat diese Einstellung verfeinert, gereinigt, dem Urgeiste näher gebracht — erreicht hat er sein Ziel nicht, vor allem schon weil auch er es nicht in seiner urtümlichen Farbe, Struktur und Geistigkeit aufnahm sondern eben als Deutscher deutsch umgedichtet. Und wenn Troeltsch heute versucht, das wahre orientalische Urchristentum in den deutschen Protestantismus hineinzuformen — beeinflussen wird auch er nicht das, was aufrichtigen Protestanten heute ihr Christentum ist, unter anderm noch, weil auch sein Urchristentum nichtjüdisch tingiert ist, nämlich orientalisch im Sinne des fernen Ostens — Folge des Faktums, daß er nicht in die jüdische Intuition hineinspringen, sondern sie nur mit den Hilfen des Wissenschaftlers umkreisen kann . . . Jüdisch war das Vorbild und die angeschaute Gestalt, deutsch aber die Augen, die es sahen, der Wille der es erfaßte, die Seele, die es sich anähnelte; wichtig war das Vorbild, aber weit eminenter der verarbeitende Prozeß, und er bleibt deutsch. Niemals hat sich das Deutschtum unter das fremde Judentum so gebeugt, wie es etwa die Gewalt des Römischen Rechts ertrug, aufnahm, sich einverleibte; und die Kraft der Renaissance, deren Erlösung des Individuums die Formen der mittelalterlichen Bindungen zerbrach, dem weltsüchtigen Deutschen diese irdische Welt in ihrer ganzen Herrlichkeit zurückschenkend, ist auch heute noch mindestens so sehr wirkende Kraft als die in gekennzeichneter Weise übernommenen jüdischen Schöpfungen — weil sie dem deutschen Wesen, dem Europäer, aus der Seele quillt, von Nietzsche noch vor kurzem überwältigend verherrlicht und erneut. Und der Deutsche weiß das. Staat! ruft heut alles, erdrückt von der übermenschlichen Leistung dieser Form menschlichen Zusammenschlusses in dieser Erd- und Menschenkatastrophe. Hat „das kälteste der Ungeheuer" das deutsche Ich verschlungen? Und ist es den neuen preußischen Römern endlich gelungen, die vielfachen deutschen Strömungen in einen mächtigenKanalzu zwingen, zwischen dessen steinernen Ufern und unter dessen ehernen Schleusentoren sie das Dienen, das sie schon so lange lernen, aus dem Grunde ausüben sollen? Ich glaube nicht zu irren, wenn ich allen geistigen Deutschen einen leisen Schauder vor dieser Zeit ansehe, in der man auch der Jugend die vorschriftsmäßige Vaterlandsfreude anzudrillen sucht; und schon spricht Böhm vorsichtig von wichtigen Provinzen des interpersonalen Lebens, die dem neuen Staate entzogen werden müßten. Es ist aber erlaubt zu fragen, ob er sie sich wird entziehen lassen wollen; und ganz gewiß dürfte alles, was „Bürger" ist, in diesem Bemühen den Geistigen entgegen sein, die nur, wenn sie verstehen zu ihm zu reden, so daß es sie hört, im Volke unten, bei den Arbeitern, Helfer und Mitstreiter finden