Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Juden und Deutsche
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 205 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 205 gigantische Versuch, dem sittlich handelnden, aber nicht in einer sittlichen Metaphysik verankerten Deutschen eine Richtschnur, ein Fundament, eine ethische Rechtfertigung und Selbstbewußtheitzu geben. Jede philosophische Betrachtung des Deutschen als Typ des Menschen aber, die nur den erfolgreichen, den organisierenden, den staatenbildenden Norddeutschen erfaßt und den soviel tieferen, reineren, menschlicheren deutschen Menschen des Südens, der Mitte und des Westens vernachlässigt, macht sich einer verhängnisvollen Einseitigkeit schuldig, und nicht zuletzt einer Sünde gegen den deutschen Geist — als welcher doch acht Jahrhunderte eines großartigen Lebens hinter sich hatte, als Preußen zu sein begann, und der doch bis zu den Freiheitskriegen die kulturelle Führung unbestritten inne hielt. Woher diese plötzliche Neigung, die ja nicht nur in einigen prominenten Schriften zutage trat, zwischen so polar verschiedenen Typen des Menschen und menschlicher Nationen die innigste, nämlich die geistige Verwandtschaft zu stiften? Ich bin nicht gesonnen, all das niederzuschreiben, was dem Psychologen sich nicht verbirgt, weil es mir nicht lohnend scheint, achtbaren Charakteren, die guten Willens und reinen Herzens an diese Verbindung gingen, wehe zu tun, indem ich ihnen ihre Motive aufdecke — bloß um am Aussprechen einer Erkenntnis Befriedigung zu rinden. Vermutlich war von solchen Antrieben der stärkste dieser: dem Deutschen, der auch an Charakter und Sein bestbefeindeten Person der menschlichen Familie, in der bedrängtesten Zeit seines Daseins, da der Haß der ganzen Erdkugel ihm die Lebensluft verengte, von außen gleichsam eine helfende brüderliche Hand hinzuhalten, von Menschen, die, andern Stammes als er, ihn dennoch durch Jahrhunderte hin beobachtet hatten und ihm nun laut sagen konnten: wir, die wir dich kennen, stehn zu dir, ja, wir heißen dich unsern Bruder, damit du weißt, daß du nicht allein bist hienieden, und damit kein Zweifel an deinem Werte dir den Mut lähme und das Herz verbittere. Aber war nicht auch vieles schon ängstliche Abwehr geahnter und vorwegbefürchteter Angriffe, die den Juden beiseite schieben konnten, damit der Deutsche in der Stunde der Wende besser allein sei mit seinem Genius? Und hat der Deutsche je nach den Gefühlen der Juden für ihn gefragt? Hat er nicht vielmehr unaufhörlich das Trennende betont — um nichts Schlimmeres zu sagen? Lag nicht nahe, in diesen Beteuerungen inniger Verwandtschaft eine Anbiederung an den beispiellos erfolgreichen Organisator und Soldaten zu sehen —- wo doch dies Selbstverständliche genügt hätte, daß die deutschen Juden mit allen andern Bürgern des Deutschen Reiches siegen oder untergehn? Ach, wir wollen den Juden all das nicht anrechnen, auch nicht die Tatsache, daß es ihnen durchweg an spöttischem Stolz dem in jeder Beziehung dummen Judenhaß gegenüber fehlt — haben sie sich doch weit Würdeloseres zuschulden kommen lassen in der Angst vor ihm, bis zur Verleumdung, bis zur Denunziation ihrer Brüder haben sie sich vorgewagt — radikal auch in der Niedertracht ... Es liegt soviel Besorgnis in dieser Begrüßung des deutschen Verwandten; schon der Takt des wenig Geliebten hätte sie heißen müssen, zu schweigen und ihren Pflichten genug zu tun — genug zu tun, nicht „mehr als ihre Pflicht", wie eine jüdische Gruppe öffentlich aufforderte . . . Ich leugne selbstverständlich nicht, daß zwischen dem Juden und dem Deutschen in manchem Ähnlichkeit besteht; denn im Grunde haben alle Menschen alle Eigenschaften, Antriebe, Richtungen im Keime oder ausgebildet, unbeschadet der selbstverständlichen Voraussetzung, daß man über die Tatsache scharfer nationaler Differenzierung einer Meinung ist — so daß Gemeinsames selbstverständlich vorkommt. Und dann dürfte es doch an der Zeit sein, heute, wo überall nur: Nation, Abstammung, Blut! gerufen wird, gelassen auszusprechen: Blut ist dicker als Wasser, das ist wahr, das ist banal; aber Geist ist mächtiger als Blut, und Schicksal ist von formenderer Gewalt als Abstammung und Geburt. Wie die Gemeinschaft zweier Männer, die Jugendfreunde sind, von keiner späteren Differenz der Anschauungen und des Lebens oder Sterbens aufgehoben werden kann, so verbindet gemeinsames Geschick und Dulden, Antun und Ertragen auch Völker, jene Individuen der Menschheit. Aber was für den Juden neben dem Deutschen gilt, gilt ebenso voll auch für den Juden und den Italiener, den Spanier, den Holländer und Franzosen, den alten Griechen und den neuen Briten — prinzipiell wie in der Wirklichkeit des Daseins. Ich kann und brauche hier nicht ins einzelne zu gehen: aber der Jude als Anwohner des Mittelmeers teilt mit den anderen Randsiedlern die hemmungslose Lebendigkeit des Ausdrucks in Gebärde und Rede — hier dem Griechen gleich und dem Italiener, mit denen er Freude undTalent der Schauspielkunst und des Handels gemein hat, die zutrauliche Unmittelbarkeit im Verkehr mit Fremden und die Leichtigkeit,