Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Juden und Deutsche
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 207 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen 207 werden; bei diesen und bei den Juden, den geistigen, den neuen Juden. Die Gemeinschaft, die diesen vorschwebt und die in ihnen vorgebildet ist, trägt noch keinen Namen. Sie wird eher da sein als heißen. Sie wird auf innerer Gemeinschaft gebaut sein und ein Grundgesetz haben, das nicht in einer Gesetzgebenden Versammlung sondern in der Seele des Menschen beschlossen sein wird. Und ganz gewiß wird weder von einer Pflicht, die man von außen aufbürdet, noch von einer Freiheit die Rede sein, die sich dagegen empören muß. Pflicht und Freiheit — entweder sind sie der Seele immanent, oder keine Forderung wird sie in Wahrheit an sie herantragen. Was dem Juden, von jeher und von diesem Augenblick, vor den sehnsüchtigen Augen schwebt, ist eine zukünftige Form menschlichen Lebens, über die man heute spotten kann, die man uns aber nicht entreißen wird — und über die zu spotten den Geistigen Europas vielleicht schon heute die Lust vergangen sein wird oder morgen vergehen dürfte, falls sie nicht ihre Wurzel aus dem Boden ziehen wollen und den Staat für den Vater alles Heils erklären — den Staat, diese durchaus vorläufige, durchaus gewalttätige, durchaus nivellierende Maschine, die ihrem Wesen nach aller neuen Form feindlich ist, auch der höheren . . . Der Staat ist eine Vor form, und ich glaube Augustinus wars, der ihm die Kirche vorzog — wobei er allerdings die Urkirche meinte und die Machtkirche vorbereitete. Der Jude denkt an keinerlei Kirche, noch wird er eine neue Form der Macht verwirklichen; sein Reich ist nicht von dieser Welt, obgleich er sehr daran denkt, es auf dieser Erde darzuleben, auf dem schmalen Streifen Erde zwischen dem Meer und den großen Strömen, dem Gebirge und der Wüste. Wir werden unsere Sache fördern — und wissen, daß sie die Sache des Menschen ist. Und mit unseren jüdischen Augen werden wir, die wir die Herrlichkeit Europas angeschaut und in unser jüdisches Herz aufgenommen haben, dankbar und freudig den neuen Europäern zusehen und ihnen beistehen — wenn sie es wollen. Wir wissen, daß sie ohne uns fertig werden, länger kämpfend vielleicht, schwerer ringend, später durchdringend als wir, die wir hoffen, die Gefahr des eigenen Staates dank ihrer Staaten zu vermeiden. Wir warten nicht darauf, daß sie uns rufen, haben wir doch unsere Sache, und ganz und gar nicht denken wir daran, uns ihnen anzubieten; das glauben sie wohl nicht, flach all dem Pöbel, den sie unwidersprochen in ihrem Namen haben reden lassen. Wir lieben das Europa des Geistes, lieben als deutsche Juden dies deutsche Land, stehen heute sehr gefaßt und ohne Vorbehalt jeder an der Stelle, an der es ihn braucht, und haben seine Sache im Sinn — aber die unsere dahinter blicken wir ohne Wanken an. Wir sind nicht assimiliert und waren nie gespalten, wir sind durchaus nicht greisenhaft und keineswegs ein zerstörendes Element — wir haben eines Tages vor einer Wahl zu stehen vermeint, und doch hat es in uns gewählt, nicht wir entschieden, sondern eine Stimme sprach und wir hörten. Die eigentliche Wahl lag erst jenseits dieses Augenblicks, Und nun vertrauen wir, sehr jung, unserem neuen unbekannten Weg und dem Dämon, der uns führt — daß es Gottes Stimme sei und der rechte Weg. Wir wünschen den Deutschen des Geistes, daß auch sie den ihren finden und gehn — und wir werden es daran erkennen, daß diese Straßen, die zur Rechten führt und die zur Linken weicht, einander eines Tages treffen werden am gemeinsamen Ort der Menschen. Im Felde Arnold Zweig Das intelligente Volk Um es gleich vorweg zu nehmen: damit meine ich die Juden. Diese Bezeichnung verwechselt aber nicht etwa das, was wir gerne sähen, mit dem, was wirklich ist, sondern stützt sich auf Tatsachen. Es mag z. B. unter anderem jeder, ob Jude oder Christ, seine Schulerinnerungen zu Hilfe nehmen und er wird mir unzweifelhaft recht geben. Und was die Ursache dieser Erscheinung anbelangt, so ist sie offenkundig darin beschlossen, daß das, was man heute z. B. an Norwegen rühmend hervorhebt: daß nämlich dort der Stand an Analphabeten das Minimum aller Prozentsätze erreicht, bei den Juden schon vor ich weiß nicht wieviel Jahrhunderten erreicht war*). Ich brauche nicht eine Familienchronik nachzusehen und ich weiß doch ganz gewiß, daß nicht nur mein Vater, sondern auch mein Großvater und mein Urgroßvater und auch mein UrUrgroßvater lesen und schreiben konnten, was mit gutem Grund die allermeisten Juden, jedoch gewiß nur sehr wenige Nichtjuden von sich behaupten können. Und so ist auch das wenigste, was man vom Enkel eines Talmudisten (und welcher Juden- *) Es werden oft in Statistiken recht hohe Prozentsätze der jüdischen Analphabeten ausgewiesen; bekanntlich nur dort, wo das Lesen und Schreiben hebräischer Lettern nicht anerkannt wird.