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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 200

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Das Beispiel
Date
1917-01-01
Page
200 (sequence 2)
Language
German
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200 Bemerkungen jedoch die mir unterstellten Behörden, wie auch im vorliegenden Falle, befugt sind, seiner Anwendung da, wo sie zu ganz besonders fühlbaren Härten führen würde, im Verwaltungswege entgegenzutreten/* Das war, da das Haager Abkommen ja unter allen Umständen geachtet werden muß, — auch Österreich hat in dem von ihm okkupierten Polen ebensowenig das russische Ausnahmegesetz abzuschaffen gewagt — höchst korrekt. Inzwischen hat aber die russische Revolution mit Pogromspuk und Prozentnorm die Judenbeschränkungen, deren 369 Gesetze eine große Bibliothek füllen, darunter auch das Verbot des Wohnens auf dem Lande, hinweggefegt. Der russische Jude darf wohnen, wo er will — in Rußland. Soll diese Wohltat nicht auch für den polnischen Juden Gesetz werden oder bleibt sie ihm auch jetzt nur fallweise zu gewährende Ausnahmeverfügung? Soll der polnische Jude die Härte der russischen Bedrückung weiter tragen? Gibt es für den Willen, dem früher das Haager Abkommen Schranke war, keinen Weg zur großzügigen Aufhebung? Die russische Revolution darf auch für den polnischen Juden nicht vergebens gewesen sein! Er hat am meisten durch Tschin und Knute gelitten. Das Beispiel der Gerechtigkeit muß weiterwirken. Oder werden die Polen sich dagegen stemmen, daß die in ihrer Mitte lebenden Juden bedingungslos alle bürgerlichen Rechte erhalten?*) Es mag für sie nicht leicht sein, jetzt, jedes Vorwands beraubt, in Offenheit bekennen zu müssen. Aber ein Volk, das den Willen zur Staatlichkeit hat, darf sich vor der Verantwortung nicht drücken . . . Man hat über die Zukunft der polnischen Juden viel geredet und geschrieben, seit die polnische Frage und mit ihr die polnisch-jüdische ein neues Gesicht bekommen hat. Die Juden fordern in Polen für sich das Recht, *) Die Polen beeilen sich, auf diese Frage eine brüske Antwort zu geben. Der ,,Glos Radomski" vom 6. Mai berichtet soeben, daß der Stadtrat von Dombrowa (im österreichischen Okkupationsgebiet) beschlossen hat, in Dombrowa dürften sich Juden nur mit besonderer Bewilligung des Stadtrats niederlassen. Dieser Beschluß verkündet also offen, daß die Polen aus dem Recht polnischer Selbstverwaltung heraus die „russischen" Wohnrechtsbeschränkungen für die Juden neu schaffen und innerhalb Polens diesen jüdischen Ansiedlungsrayon errichten wollen. Die Polen verhehlen also gar nicht mehr, wohin der Weg geht. als Nation leben zu dürfen, in ihren nationalen Daseinsrechten anerkannt und geschützt zu werden. Sie fordern es — trotz Freiherrn von Rechenberg und trotz Paul Nathan. Die Polen antworteten, sofern sie sich nicht ganz vom blinden Haß hypnotisieren lassen, sie würden bürgerliche Gleichberechtigung zugestehen, und diese im vollen Maße, aber nicht mehr, und auch sie nur gegen die Bedingung des Verzichts auf alle nationalen Sonderwünsche. Die die Juden drückende und unterdrückende Verfolgung sei nur eine Folge der russischen Methoden und würde schwinden, wenn nur erst die Polen Herren im eigenen Hause wären. Von jüdischer Seite hat man im guten Willen, sich auseinanderzusetzen und zu überzeugen, oft genug auf das galizische B eispiel hingewiesen. In Galizien sind die Polen die Herren der Verwaltung. Der Statthalter von Lemberg braucht den Einspruch des Wiener Ministeriums nicht zu fürchten. Und was hat das galizische Beispiel gezeigt? Besser als jede Schrift, die bisher hierüber und über den Wert dieses Beispiels für die polnisch-jüdische Frage sprach, kündet davon die neue Schrift von Dr. Max Rosenfeld „Polen und Juden" *). Leidenschaftslose Darstellung, kühlste Sachlichkeit : und doch ein lauter, fast verzweifelter Ruf. In Polen hat die russische Herrschaft die Polen zu Boykott und Pogrom verhetzt und ohne Zutun der Einheimischen der Freiheit gewehrt? Aber in Galizien waren sie doch die Herrennation und ihr Wille ward zum Joch für Ruthenen und für Juden. Hat es vielleicht auch an den Juden gelegen, daß sie in Galizien sich nicht frei entwickeln konnten? Gibt es vielleicht ökonomisch-soziale Bedingungen, die das Leben der Juden verkrüppeln und sie zu einer Masse von Hörigen zusammendrücken? Gibt es keinen Ausweg äus dem nationalen Inferno, kein Programm der Erneuerung und kein Ziel für die Verzweifelnden? Max Rosenfeld hat alle diese Fragen beantwortet. Seine Schrift hat den Wert des galizischen Beispiels erwiesen. In einer geschichtlichen Überschau wird die Entwicklung des Verhältnisses zwischen der polnischen Herrennation und den Juden gezeichnet, die als ein willenloses Objekt aller politischen Geschäfte behandelt und insbesondere im Kampf gegen die ruthenische Nation *) Polen undjuden. Zeitgemäße Betrachtungen von Dr. Max Rosenfeld. R. Löwit Verlag, Berlin, Wien 1917.

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