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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 201

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Das Beispiel
Date
1917-01-01
Page
201 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen 201 ausgespielt werden. Die politischen „Führer" der Juden haben seit jeher dieses Treiben mitgemacht und sich, ärger als jemals irgendwo eine volksfeindliche Schichte, jeglicher Schuld gegen ihre Brüder schuldig gemacht. Erst mit der jüdisch-nationalen Bewegung ist eine neue politische Gesinnung wach geworden, die auch im Weltkrieg nicht versagt hat. In dem Abschnitt „Die Tatsachen der Entwicklung" untersucht die Schrift die Ursachen, die auch unter der gesetzlichen Gleichheit der österreichischen Verfassung das besondere galizische Judenelend geschaffen haben. Sieliegen in der Tatsache, daß die Juden eine Minorität sind und auch in Galizien nirgendwo einen geschlossenen Siedlungskomplex bilden. „Das mangelnde Verwachsensein mit Land und Erde sind die Ursachen des größten Übels im jüdischen Schicksal: ihrer stabilen Minderheit auch auf den Gebieten ihrer dichtesten Siedlung, so in Polen und in Galizien." Im engsten Zusammenhang mit dem Minoritätsproblem steht die Sonderart der wirtschaftlichen Zustände, die besonders in Galizien zu einer wachsenden Verelendung geführt hat. Das wichtigste Kapitel der Schrift untersucht „Methode und Mittel der Lösung". Die Polen versuchen sie, soweit sie nicht ohne Vorbehalt das Programm radikaler Judenfeindschaft verfolgen, auf dem Weg der Assimilation, Aber es liegt ihnen durchaus nicht an einer kulturellen Assimilation, sondern nur an einer politischen Unterordnung und an der bedingungslosen Ausschaltung aller Eigenwünsche. Sie wollen den einheitlichen Nationalstaat, und dieser Fiktion opfern sie in erster Reihe die 872975 jüdischen Seelen (nach der österreichischen Volkszählung vom Jahre 1910). Die „Führer" des galizischen Judentums haben diese Politik bis heute unterstützt und stehen auch heute noch im Kampf gegen die „positive jüdische Politik", die die Juden organisieren, für jüdische Politik organisieren und nur durch jüdische Politik organisieren will. An dieser Stelle gibt Max Rosenfeld ein Programm. Seine Vorschläge haben vor anderen den Vorzug, daß sie von der Eigenart des jüdischen Falls ausgehen und ihr gerecht werden. Darum sind sie ebenso bescheiden nach außen hin, als streng und ohne Verzicht nach innen. Sie sind auf dem Grundgedanken aufgebaut, daß die Anerkennung und Sicherung des nationalen Lebens einen organisierten und von jüdischem Leben erfüllten nationalen Körper braucht. Die vernünftige Methode zum Aufbau dieses Körpers sieht Max Rosenfeld, der Zionist und Sozialist zugleich ist, in der Organisierung und Zusammenfassung der jüdischen Gemeinden (Kahals). Diese Gemeinden müssen, auf demokratische Grundlagen gestellt, auch die ökonomischen und kulturellen Aufgaben der nationalen Arbeit übernehmen. Es klingt bescheiden und ist doch ein großes Werk. Es läßt sich nicht von außen her oktroyieren, es muß aus dem Innern des Volkes gebaut werden. Auch dieses Programm nationaler Arbeit hat den Wert eines Beispiels. Während die Außenwelt aus dem „Fall" Galizien ersehen kann, wie die polnische Nation Machtmöglichkeiten zu mißbrauchen versteht, können wir Juden aus ihm lernen, daß aller nach außen gerichteter Kampf um die Anerkennung erfolglos bleibt, wo er nicht von der Arbeit in der Tiefe des jüdischen Volkes begleitet und beeinflußt wird. Und von dieser Arbeit sich auszuschließen, geben wir niemand das Recht, Darum wollen wir auch niemand freiwillig das Recht zugestehen, sich aus unserer Gemeinschaft wegzustehlen. Gerade weil wir kein geschlossenes Land unter eigenen Füßen haben, gewähren wir nicht das Recht der nationalen Option. Wer nicht mit uns bleiben will, dem wird es nicht leicht gemacht: er muß dann den Mut haben, aus der Gemeinde auszuscheiden. Darum ist gerade das bescheidene Programm das strenge und große. Wir haben kein größeres zu entwerfen, wo es sich um die Behauptung unserer nationalen Art in der Diaspora inmitten der Völker, und nicht zuletzt unter den Polen handelt. L. H. Logik und Realpolitik Soviel man über die polnisch-jüdische Frage in ihrem politischen Aspekt bereits gesprochen und geschrieben hat, es ist noch nicht genug geschehen. Denn auch dies ist eine der Miseren unserer anormalen Lage: daß wir Selbstverständlichkeiten, die sonst kaum bestritten werden, sowie sie für uns Geltung haben sollen, bis zum Überdruß wiederholen müssen; daß wir nicht aufhören können, die einfachsten Wahrheiten über uns, die uns selbst schon zu unerträglicher Banalität geworden sind, immer wieder hinauszuschreien. Der Wust von Vorurteilen, Verkehrtheiten, Mißverständnissen und Entstellungen, in den für die meisten alle jüdischen Dinge gehüllt sind, ist so dicht, daß nur eine nimmermüde unaufhörliche Aufklärungsarbeit ihn zerstreuen kann. Braucht irgend ein Volk zu beweisen, daß es ein Volk ist? Wir rufen schon seit Jahren unser Volkstum in alle Welt hinaus, und noch glauben's uns die meisten nicht.

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