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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 194

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs
Date
1917-01-01
Page
194 (sequence 9)
Language
German
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194 Eduard Bernstein: Deutscher. Die nationale Bewegung der sechziger Jahre für die deutsche Einheit nahm auch mich völlig gefangen. Schwarzrotgold, die demokratische Trikolore der Einheit Deutschlands, war mein Banner, dessen Farben ich zeitweilig in einem kunstvoll in Pappe angefertigten Herzen auf der Brust trug. Ich vergoß Tränen über die Leiden der Schleswig-Holsteiner unter der Dänenherrschaft, die ein Idyll waren im Verhältnis selbst zu dem damaligen Los der Juden in Rußland und Polen, das mich gleichgültig ließ. Ich reimte 1864 Jubelverse zu den Siegen über die Dänen, sang später mit Altersgenossen heimlich die „Wacht am Rhein" und „Deutschland über alles", die in Preußen damals offiziell nicht gesungen werden durften, und als der deutsch-französische Krieg von 1870 ausbrach, faßte ich den Entschluß, falls Deutschland Niederlagen erleiden sollte, nach der zweiten verlorenen Schlacht trotz meiner Schwächlichkeit mich als Freiwilliger zu melden. „Napoleon, der den Krieg so frech hervorgerufen, darf nicht siegen," schrieb ich meinem damaligen Busenfreund, der gerade in einem märkischen Dorfe bei Verwandten zu Besuch war. Der aber, aus rein deutschem Stamme, schrieb mir zurück, ich solle mich nicht voreilig erhitzen, wir wüßten ja doch nicht genau, wie es in der diplomatischen Welt wirklich zugegangen sei. Vom Siegestaumel, der dann ausbrach, hielten wir beide uns frei, und als die Gefangennahme Napoleons III. nach Sedan den Frieden nicht brachte, hörte überhaupt bei mir jedes Interesse am Krieg auf. Anderthalb Jahre später schlössen mein Freund und ich uns der zur Internationale haltenden sozialdemokratischen Partei an. Die ersten Jahre nach der Gründung des neuen Deutschen Reiches waren am allerwenigsten geeignet, in mir jüdische Sympathien zu erwecken. Die Rolle, welche das jüdische Börsenkapital bei der Verwirtschaftung der Milliarden in der sogenannten Gründerära spielte, die Beteiligung jüdisch-liberaler Blätter an der Bekämpfung der katholischen Kirche mit Ausnahmegesetzen und die seichte Bekämpfung des Sozialismus in diesen Blättern machten auf mich, der ich Sozialist und Demokrat war, manchmal einen so abstoßenden Eindruck, daß ich selbst zuweilen antijüdisch gestimmt wurde; die ersten Anzeichen des Antisemitismus, die in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre in Deutschland zutage traten, erschienen mir so sehr als begreifliche Reaktion gegen ungebührliches Vordrängen der Juden, daß sie mich wenig aufregten. Ich beging den Fehler, nicht zu sehen, daß die Juden, die sich vordrängten,1 nur eine Minderheit waren neben der Masse ruhig ihrem Beruf nachgehender Juden. Erst als der Antisemitismus aus anklagender Bewegung verfolgende Bewegung wurde, änderte ich meine Stellung zu ihm. Aber in seiner Bekämpfung nahm ich stets Bedacht, die Frage als solche demokratischer Gleichberechtigung zu behandeln. Die Judenfrage als Frage eines besonderen nationalen Rechts oder Interesses von Juden aufzufassen, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Konnte es nach meinem ganzen Entwicklungsgang anders sein? Ich will kein besonderes Gewicht darauf legen, daß bis zu einem sehr vorgerückten Alter alle meine intimeren Freunde Nichtjuden gewesen sind. Denn daran hatte der Zufall keinen geringen Anteil. Ich hatte die meisten meiner jüdischen Verwandten sehr lieb, fühlte mich im Gymnasium zu manchen meiner jüdischen Mitschüler hingezogen und hatte nicht wenige Juden kennen gelernt, die ich als Menschen hochschätzte und wegen ihrer geistigen Gaben bewunderte. Kein

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