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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 193

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs
Date
1917-01-01
Page
193 (sequence 8)
Language
German
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Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs 193 zu üben. War es dies, oder war es der Umstand, daß uns schon Lektüre für Erwachsene in die Hand fiel, Tatsache ist, daß von den drei Religionslehrern, die wir hatten, auf mich und andere Mitschüler der am allerwenigsten Eindruck machte, der uns die Religion buchstabengerecht lehrte, und uns nur der ein Interesse abgewann, der in den Unterricht kritische Bemerkungen einflocht, von dem wir daher glaubten annehmen zu dürfen, daß er in Wahrheit ein Ungläubiger sei. In der Tat bemächtigten sich meiner schon sehr große Zweifel, ob es mit dem persönlichen Gott überhaupt seine Richtigkeit habe. So erinnere ich mich, daß ich als Fünfzehnjähriger aus Anlaß der tödlichen Erkrankung eines lieben Familienmitgliedes ein ähnliches Gebet zum Himmel schickte, wie seinerzeit an Jesus: „Wenn Du bist, lieber Gott, so hilf doch, bitte, meiner Kusine!" Die Hilfe ist aber ausgeblieben. Um es gleich vorauszuschicken, trat bei mir der endgiltige Bruch mit dem Jenseitsglauben drei Jahre später, in der Nacht nach dem Tode meiner Mutter ein, an der ich mit großer Liebe gehangen hatte. Ich dachte lange darüber nach, ob ich hoffen dürfe, diese teure Person einst in einer jenseitigen Welt wiederzusehen. Je länger ich aber sann, um so stärker ward in mir der Gedanke, daß ich die Mutter so, wie ich sie gekannt und geliebt, mit ihren Tugenden und ihren Schwächen, überhaupt mit ihren menschlichen Eigenschaften, unmöglich würde wiedersehen können, sie für mich nur so lange fortleben würde, als ich sie in dieser Gestalt in meinem Gedächtnis behielte. Mit dem Jenseitsglauben fiel aber auch der letzte Rest von Glauben an den persönlichen Gott. Von einem jüdischen Bekenntnis war nichts bei mir vorhanden, und für den jüdischen Ritus hatte ich nur die Geringschätzung des von keiner Überlieferung beeinflußten Rationalisten. Und doch war nicht alles jüdische Interesse in mir erstorben. Ein nicht scharf ausgeprägtes, aber im Gefühl fortlebendes Interesse für das jüdische Volk war geblieben. Als ich am Sonntag nach der Einsegnung mit meinem Vater aus dem Tempel nach Hause ging, sagte ich ihm, ich würde gern die Geschichte der Juden nach der Zeit der Gründung des Christentums und besonders im Mittelalter studieren. Mich interessiere es zu sehen, wie das jüdische Volk sich die ganzen Jahrhunderte hindurch in Kampf und Leid erhalten und entwickelt habe. Indes hat es der Kampf des Lebens, in den ich bald darauf eintrat, zur Ausführung dieses Gedankens nicht kommen lassen. Im Hause fehlte uns alle einschlägige Literatur, und meine Abende gehörten Bestrebungen, die meinen Sinn auf ganz andere Wissensgebiete lenkten. Zudem fielen die Jahre meines Heranreifens zum Jüngling und Mann in die Epoche, wo in Deutschland der Liberalismus das ganze öffentliche Leben beherrschen zu wollen schien und die Juden eine immer größere Rolle in der Politik spielten. Es gab Judenfeinde, aber keine judenfeindliche Bewegung, das Fernhalten der Juden aus gewissen Staatsämtern verschwand noch nicht, aber es nahm doch ab und nicht zu. Auch das Los der Juden in den Ländern, wo sie noch nicht die staatsbürgerliche Gleichheit erhalten hatten, schien sich mit der Ausbreitung des Liberalismus zunehmend zu verbessern. Kurz, es fehlte alles, was mich, der ich konfessionell mit dem Judentum gebrochen hatte, für die jüdische Sache irgendwie hätte stärker interessieren können. Ich fühlte mich ganz als Deutscher, allerdings als liberal-demokratischer Heft 3. 13

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