Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 195 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs 195 Vorurteil stand einer Intimität mit jüdischen Altersgenossen im Wege, nur die Umstände verhinderten einen engeren Verkehr mit solchen. Aber es lebte nichts in mir, das mich hätte veranlassen können, bei der Auswahl meiner Freunde einem Juden vor einem ihm sonst für mich gleich werten Nichtjuden den Vorzug zu geben, weil er ein Jude sei. Ein solches Empfinden kannte ich einfach nicht. Als ich acht Jahre nach dem deutsch-französischen Kriege einmal in einem Gespräch mit dem Freunde, der damals meinen deutsch-patriotischen Übereifer gedämpft hatte, ganz obenhin erzählend das Wort „wir Juden" fallen ließ, geriet er fast außer sich. „Niemals bisher," sagte er, „hast du eine Trennungslinie zwischen dir als Juden und uns anderen angedeutet, willst du jetzt damit anfangen?" Mir hatte dergleichen fern gelegen. Ich hatte bei dem Wort mir nicht mehr gedacht, als man sich etwa denkt, wenn man sagt „wir Kaufleute" oder „wir Nichtraucher". Aber daß er an der Ausdrucksweise so großen Anstoß nahm, machte auf mich einen starken Eindruck. Mit ihm zusammen war ich, wie oben bemerkt, 1872 der Internationale beigetreten, deren Grundsätze und Programm mich begeisterten. So sehr ich mich als Deutscher fühlte, hatte ich doch niemals etwas wie nationalen Haß empfunden. Als uns während des preußisch-dänischen Krieges von 1864 unser Klassenlehrer im Gymnasium ein Dichterwerk, das Gedicht von Simrock „Die halbe Flasche", aufzusagen verbot, weil darin ein Däne die edle Rolle spielte, fand ich das, so deutsch-patriotisch ich war und soviel Achtung ich sonst grade für diesen Lehrer hatte, abgeschmackt, und 1870 wäre ich zu Anfang des Krieges zweimal beinahe gelyncht worden, weil ich in Wirtschaften Schimpfereien auf das französische Volk entgegentrat. Nun bot sich mir die Basis für die politische Vertiefung der Gedanken, die mir ein reines Menschheitsempfinden eingegeben hatte und deren Wurzel sicher darin lag, daß ich von Jugend auf gewöhnt gewesen war, in meinem kleinen Verkehr religiöse Unterschiede und solche der Abstammung über dem rein Menschlichen völlig zu vergessen. Und als dann die Judenfrage heftigere Formen annahm, sah ich in der sozialistischen Internationale die erlösende Macht, die sie einst zur Ruhe bringen werde. An diesem Gedanken halte ich fest, er steht mir über jeder Sonderbewegung. Für ihn mit ungeteilter Kraft zu wirken, ist mir nach den Erfahrungen dieses Weltkrieges erhöhtes Bedürfnis. Berlin Eduard Bernstein 13*