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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 192

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs
Date
1917-01-01
Page
192 (sequence 7)
Language
German
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192 Eduard Bernstein: erstand, einen schönen Weihnachtsbaum herzurichten und als gelernter Klempner manche Geschenke für nns Kinder selbst zu verfertigen. Als ich elf Jahre alt war, fingen religiöse Skrupel an mich zu beschäftigen. Einer meiner Lehrer in der Knabenschule, der seinen Beruf besonders ernst nahm, unterhielt sich eines Tages mit mir über Religion. Ob er auf meine Bekehrung bedacht war, weiß ich nicht, aus der hingebenden Art, wie er den Religionsunterricht erteilte, muß ich aber schließen, daß er überzeugter Christ war. „Wie hoffst du denn die ewige Seligkeit zu erlangen, wenn du kein Christ bist?" fragte er mich. „Nun, wenn ich ein guter Mensch bin und immer nach Recht und Pflicht handle," antwortete ich. „Das Vorhaben ist lobenswert,*' gab er zurück, „aber sieh mal, wenn du nach Rom reisen willst, wirst du dann den direkten Weg nach Süden wählen oder nach Norden gehen und versuchen, über den ganzen Erdkreis, Nordpol und Südpol hinweg Rom zu erreichen?" Ich war noch nicht dialektisch geschult genug, um ihm zu erwidern, daß sein Vergleich das Christentum im Grunde ziemlich niedrig hinstelle, und blieb stumm. Er drang auch nicht weiter in mich ein, aber im stillen dachte ich nun manchmal darüber nach, ob ich nicht, falls die christliche Lehre doch wahr sei, durch mein Festhalten am Judentum mir die Seligkeit verscherzte. Endlich löste ich den Knoten durch folgende, etwas talmudistische Argumentation: Ist das Christentum wahr und Jesus so edel, wie er uns geschildert wird, dann wird er es mir verzeihen, daß ich, da doch meine Eltern Juden sind, auch Jude bleibe. Nun beschloß ich aber wenigstens ein ordentlicher Jude zu sein. Dazu gehörte nach meiner Vorstellung vor allem die Enthaltung vom Genuß des Schweinefleisches. So erklärte ich also eines Tages meinen Eltern, ich würde fortan im Hinblick auf mein Judentum kein Schweinefleisch mehr essen. Überraschenderweise begegnete ich nicht dem geringsten Widerspruch. „Wenn du nicht willst, mein Sohn, so iß du kein Schweinefleisch," erwiederte mein Vater. Diese absolute Toleranz war Gift für mein Vorhaben. Etwas Widerspruch hätte ihm sicher Stärkung verliehen, so aber fehlte ihm der Reiz eines erstrittenen Rechtes, und es hielt daher nicht lange vor. Auf das Schweinefleisch selbst hätte ich zwar eine gute Weile verzichtet. Aber da das Gesetz auch den Genuß aller Speisen verbot, bei deren Herstellung Schweinefett verwendet ward, erhielt mein Entschluß in der Praxis eine viel größere Tragweite, als ich mir vorgestellt hatte. Obendrein mußte ich erfahren, daß das Vorhaben selbst bei strenger Durchführung nur eine Halbheit sein würde, da ja den frommen Juden noch viel mehr verboten ist, als nur der Genuß des Schweines. Nach Verlauf von einigen Wochen streckte ich die Waffen und gab zu, daß das Einhalten bestimmter Speisegesetze nicht den Juden mache. Aber was machte denn den Juden? Während bei frommen Juden der Knabe mit abgelegtem 13. Jahr Bar-mizwa wird, wurden in der Reformgemeinde die Knaben erst im Alter von 13 und 14 Jahren in die Religionsschule geschickt, um nach zwei Jahren Besuch dieser feierlich eingesegnet zu werden. Ein Unterschied, der in meinen Augen sehr zugunsten der Reform sprach, da ein Junge mit 15 oder 16 Jahren ganz sicher mehr Verständnis für religiöse Dinge hat, als ein Dreizehnjähriger. Indes hatte die Sache doch ein Aber. Im 14. Lebensjahre tritt der Junge in die Flegeljahre ein, er beginnt vom Baum der Erkenntnis zu essen und an allem, was ihm gepredigt wird, seinen negierenden Verstand

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