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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 191

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs
Date
1917-01-01
Page
191 (sequence 6)
Language
German
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Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs 191 abend zum Purimfest, wo die Megille von Esther und Haman verlesen wird, mit nach der Synagoge in der Heidereutergasse geschleppt, dem damaligen Haupttempel der orthodoxen Juden Berlins. Der Eindruck nun, den ich dort empfing, war alles andere, nur nicht erhebend. Die Megille wurde hebräisch verlesen, was ich nicht verstand, und die Beteiligung der Hörer schien mir eine sehr mechanische zu sein. Ich bin damit der zeitlichen Entwicklung meiner seelischen Beziehung zum Judentum als Religion und Volk etwas vorausgeeilt und möchte nun noch einmal auf ihre Gestaltung in meinen frühesten Knabenjahren zurückkommen. Das empfindungsmäßige Denken von Kindern wird durch die Eindrücke gebildet, die sie von ihrer Umgebung empfangen, und die waren, wie gezeigt, bei mir sehr zweiteilig. Sobald ich aus der elterlichen Wohnung heraustrat, war ich in Haus, Straße und Schule in einer völlig nicht jüdischen Welt. Diese nichtjüdische Welt erschien mir als die normale, die jüdische als die unnormale Welt, und Kinder haben stets vor dem, was ihnen als das Normale erscheint, den größten Respekt, bei ihnen ist das sogenannte Herdenempfinden am stärksten ausgebildet. Obendrein trat mir das Nichtjudentum als protestantisches Christentum in einer Gestalt entgegen, die es mir durchaus sympathisch machte. Welches Kindergemüt wird nicht durch die Erzählungen von Jesus, seiner Mutter, seinen Leiden und seiner großen Menschenliebe ergriffen? Ich hörte von ihnen im Hause und lernte sie schon in den Unterklassen der Knabenschule, die ich besuchte, aus dem Lesebuche kennen, nahm auch, obwohl ich meiner Abstammung wegen nicht dazu verpflichtet war, längere Zeit an den Religionsstunden teil, an denen ich mehr Gefallen fand als die Mehrzahl meiner christlichen Mitschüler. Nicht wenige der christlichen Choräle haften noch heute in meinem Gedächtnis, manche davon mit Gefühlserinnerungen von nicht geringerer Stärke als diejenigen, welche sich an die innigsten jüdischen Gesänge knüpfen, die ich im elterlichen Haus und später in der Reform hörte. Jüdisch und christlich ging in Bezug auf diese Gefühlsseite bei mir als völlig gleichwertig durcheinander. Von meinen Eltern hörte ich auch, soweit die Dogmen des Christentums nicht in Betracht kamen, nur gut von ihm reden. Mein Vater pries die Bergpredigt Christi, und meine Mutter sagte uns von diesem, daß er zwar kein Sohn Gottes, aber ein besonders edler Mensch gewesen sei. Beide nahmen auch keinen Anstoß daran, wenn wir Kinder am Vorabend des Weihnachtsfestes, während der Vater in der guten Stube die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legte, im unbeleuchteten Nebenzimmer zu unserer Erbauung neben anderen christlichen Weihnachtsliedern den Christi Geburt feiernden Choral absangen: „Stille Nacht, heilige Nacht, Alles schläft, einsam wacht Nur das traute, hochheilige Paar, Holder Knabe im lockigen Haar, Schlaf in himmlischer Ruh." Weihnachten war überhaupt das Hauptfest im Elternhause, das Lieblingsfest meines Vaters, der, da die Geldmittel knapp waren, es sich gern allerhand Arbeit kosten ließ, aus einem unbehauenen jungen Nadelbaum, den er um ein Billiges

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