Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 190 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Eduard Bernstein: saßen in der Reform oben auf einer abgetrennten Galerie, so daß man von unten die Sänger gar nicht einmal sah, und wenn aus der Höhe eine volle Sopran¬ oder sonore Baritonstimme das Schema Jisroel anstimmte und dann die Gemeinde mit machtvoller Orgelbegleitung es wiederholte, so hatte das stets einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht, daß ich mit keinem Gedanken darüber nachdachte, was die Sänger sein mochten. Dagegen fand ich es wieder empörend, daß der erwähnte Mitschüler sich vom Schreiben an Sonnabenden hatte dispensieren lassen. Kein Christ konnte für diese und andere Kundgebungen der Orthodoxie stärkere Mißachtung empfinden, als ich. Sie galten mir als Ausflüsse größter geistiger Beschränktheit. Und doch hatten die Orthodoxen darin nicht unrecht, daß es um die Gläubigkeit der Reformjuden sehr schlecht bestellt war. Die Reformgemeinde war der Sammelplatz der liberalen Juden Berlins, von denen ein großer Teil in religiösen Dingen durchaus Zweifler oder krasse Ungläubige waren. Aus den verschiedensten Gründen — Erinnerungen, Familienbande, soziale Stellung usw. — mochten sie die völlige Trennung vom Judentum nicht vollziehen, aber der letzte der Gründe, die sie beim Judentum hielten, war bei den meisten wahre Anhänglichkeit an die überlieferte jüdische Gottesidee. Die Gründer der Reformgemeinde wollten einen von allen Vorstellungen unwissenschaftlicher Zeitalter gereinigten Gottesglauben. Weder die Erzählungen der Bibel noch diejenigen Überlieferungen der Rabbiner, worin Gott menschengleich nach Neigungen oder Stimmungen urteilt und handelt, sollten als mehr denn Legenden oder persönliche Eingebungen aus Zeitaltern Geltung haben, wo man noch ganz unwissenschaftlich dachte. Aber wenn man der Gottesvorstellung alles nimmt, was menschliche Züge trägt, dann bleibt schließlich ein blutleerer Begriff übrig, der wohl das spekulative Denken befriedigen mag, für den aber menschliche Herzen nichts empfinden können. Der Reformgemeinde gehörten sehr achtbare Leute von wahrhaft freiheitlicher Gesinnung und warmem sozialen Empfinden an; unter dem Gesichtspunkt der Religion betrachtet, war sie jedoch nichts viel anderes als eine ethische Gesellschaft von Angehörigen eines bestimmten Volkstums, die gewisse Erinnerungen dieses Volkstums und Stücke aus dessen Kultus bewahrten, die dagegen den Glauben, der diesem Kultus zugrunde lag, nur noch in so verdünnter Gestalt forterhielten, daß seine Macht auf die Gemüter auch nur verschwindend gering sein konnte» Damit will ich der Reformgemeinde nicht jede Berechtigung abgesprochen haben. Solche Zwischen- oder Zwittergebilde entsprechen den Bedürfnissen einer Zeit des Überganges sowohl im Leben des Einzelnen wie in der allgemeinen Entwicklung. Es gibt noch etwas Schlimmeres als die Halbheit, und das ist das Nichts. Ich meine damit das gedanken- und gesinnungslose Hineinleben in den Tag, das man bei nur zuvielen Menschen findet. Auch dürfen die vorstehenden kritischen Bemerkungen über die Reformgemeinde nicht so aufgefaßt werden, als stünde diese in meinen Augen tiefer als die Orthodoxie und deren Kultus. Ich bin nicht imstande, erschöpfend über den letzteren zu urteilen, weil ich ihn zu wenig kennen gelernt habe. Meine Kenntnis von ihm rührt aus zweiter oder dritter Hand. Nur einmal habe ich einem Gottesdienst orthodox frommer Juden beigewohnt. Ich war Gymnasiast, und jüdische Mitschüler, deren Eltern am orthodoxen Kultus festhielten, hatten mich am Vor-