Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 189 (sequence 4)
- Language
- German
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Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs 189 Bis uns das Leben trennte, d. h. bis die Eltern meines Freundes in das entgegengesetzte Ende Berlins zogen, blieben wir einander herzlich zugetan. Und wenn die Eltern mir besonders ihre Zuneigung kundtun wollten, fehlte selten die Bemerkung: „Ihr Bernsteins seid ja gar keine richtigen Juden/4 Es kam indes ein Alter, wo ich dieses durchaus wohlgemeinte Kompliment eher unangenehm empfand. Meine Eltern waren Reformjuden, aber darum doch Juden, Wie es mit dem Gottesglauben meines Vaters stand, weiß ich nicht genau, ich habe mit ihm nie darüber eingehender philosophiert. Der Bibel stand er als Rationalist gegenüber, ich weiß mich da mancher kritischen Bemerkungen über sie von ihm zu erinnern. Und dieser kritischen Denkweise habe ich es zuzuschreiben, daß ich nicht den Vornamen David erhalten habe. Nach jüdischem Familiengebrauch sollte er mir zufallen, mein Vater hatte aber gegen den König David der Bibel eine ganz besondere Abneigung. Er sei, erklärte er, ein Schuft ge- . wesen, und so wollte er auch keinen Sohn dieses Namens haben. Fromm war er jedenfalls nicht. Aber er verstand sehr viel vom Judentum, wußte die jüdischen Gebräuche zu erklären und kannte alle die alten Gesänge auswendig, die er uns zuweilen vortrug. Meine Mutter dagegen war zwar auch nicht buchstabengläubig, aber doch eine tief innerlich religiöse Natur, sie hätte sogar, wenn die Verhältnisse es gestatteten, am liebsten aus Pietät den Haushalt jüdisch geführt. Sie widersprach dem Vater nicht gerade, aber teilte seine rationalistische Kühle nicht. Beide Eltern besuchten an den großen jüdischen Feiertagen gern den Gottesdienst der jüdischen Reformgemeinde zu Berlin, zu deren Gründern der älteste Bruder meines Vaters, Aron Bernstein, gehörte, ein Schriftsteller, der das damals populärste demokratische Blatt Berlins, die „Volkszeitung", redigierte und auf den wir alle mit großer Verehrung blickten. In der Reformgemeinde ward deutsch gepredigt, wurden Stücke aus der Thora außer hebräisch auch deutsch vorgelesen und ebenso die wichtigsten Glaubenssätze und Mahnworte der jüdischen Religion hebräisch und deutsch gesprochen oder gesungen und wurden außerdem in deutscher Sprache gedichtete Hymnen und unter Mitwirkung von einem eigens dazu angestellten Chor und Solisten unter Orgelbegleitung gesungen. Für das Ohr und auch für das Gemüt waren diese Gesänge oft sehr packend, zumal man für Stücke von besonderer Schönheit künstlerisch geschulte Gesangskräfte zu nehmen pflegte. Den orthodoxen Juden in Berlin war alles das jedoch ein Greuel, sie sahen in den meisten Neuerungen der Reform ein verwerfliches Heidentum. Ganz besonders empörend fanden sie es, daß die Leitung der Reformgemeinde für den Chorgesang und die Gesangssolos auch christliche Sänger einstellte, darunter Mitglieder des Berliner königlichen Domchors. „Was/4 rief mir einmal, als ich schon das Gymnasium besuchte und einem dortigen orthodox jüdisch gesinnten Mitschüler von den Schönheiten des Gottesdienstes in der Reform vorschwärmte, »was, die Reform? Da kannst du ja die Sänger im Chor untereinander reden hören: tHerr Jesus, ist mir heute das Schma Jisroel schwer aus dem Hals gekommen'. Ein schöner jüdischer Gottesdienst das!" Mir wollte nicht einleuchten, was darin Verwerfliches lag, daß man jenen und andere jüdische Glaubenssätze aus christlicher Kehle singen ließ. Die Chöre