Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 188 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Eduard Bernstein: nicht halten können und war im Jahre 1843 zum Beruf des Lokomotivführers übergegangen, wozu sich zu jener Zeit, wo die Eisenbahnen in Deutschland noch ganz neu waren, nur erst wenige entschlossen. Vom Standpunkte der Volksmoral jedoch ließ sich gegen den Beruf des Lokomotivführers nichts einwenden, und so ward von den Beamten, Kleinbürgern und Arbeitern im Haus und in der Straße mein Vater als durchaus zum Volk gehörig anerkannt. Daß wir, soweit es das bescheidene Einkommen meines Vaters erlaubte, in verschiedener Hinsicht eher bürgerlich lebten, tat dem keinen Abbruch. Die Bahnarbeiter, Gepäckträger usw. in unserer Straße sahen zwar in meinem Vater einen beruflich über ihnen Stehenden, aber kein Mitglied einer von Grund aus anderen Gesellschaftsklasse. So hätte nur die Religion und die Religionsübung zwischen uns und unsern Nachbarn ernsthaft trennend wirken können. Aber meine Eltern gehörten der jüdischen Reformgemeinde an, die den Sonntag als den allgemein gültigen Ruhetag feiert, und hielten auch die jüdischen Speisegesetze nicht inne, und das war es vor allem, was uns dem Gefühl der Mitbewohner von Haus und Straße näher führte. Was wir glaubten und daß wir etliche jüdische Festtage feierten, kümmerte sie wenig. Daß wir uns im Essen grundsätzlich von ihnen nicht unterschieden und denselben Ruhetag innehielten, darauf kam es ihnen für die Einschätzung unserer Volkszugehörigkeit an. Die Absonderung beim Essen, die Feier eines besonderen Ruhetags werden vom Volk oft als eine Scheidewand empfunden, die ein wahres soziales Zusammengehörigkeitsgefühl sich nicht entwickeln und befestigen läßt. In Einzelfällen mögen Jude und Nichtjude sich über sie hinwegsetzen und trotz ihrer innige Bande der Freundschaft schließen können, im allgemeinen aber wird, wo sie vorherrschen, der Nichtjude im Juden nie rückhaltlos einen Volksgenossen erblicken, und umgekehrt. Weil bei uns dies fortfiel, wurde für meine Geschwister und mich der Verkehr mit nichtjüdischen Altersgenossen durch nichts außer uns selbst Liegendes getrübt. Von Vettern und Kusinen abgesehen, mit denen wir aber, weil sie ziemlich weit entfernt von uns wohnten, nur ausnahmsweise zusammenkamen, hatten wir nur nicht jüdischen Umgang, meine besten Freunde im Knabenalter und in der reiferen Jugend waren stets „Gojim". Bei meinem ersten Jugendfreunde bildete sich obendrein ein komisches Verhältnis aus, das aber auf die Volksbeziehungen ein bezeichnendes Licht wirft. Die Eltern meines Freundes hatten für mich eine Zuneigung gewonnen und bevorzugten mich oft dem eigenen Sohn gegenüber. Wenn aber mein Freund sich ungebärdig zeigte oder sonst sich etwas zu Schulden kommen ließ, war das Drohwort gewöhnlich: „Der Jude kommt". Und derselbe Junge, der täglich mit mir spielte, man kann wohl sagen unzertrennlich von mir war, hatte in seinen Kinderjahren in der Tat eine gehörige Furcht vor dem „Juden". Worunter natürlich nicht ich oder mein Vater, sondern irgend ein mit dem Packen auf dem Rücken wandernder Trödeljude gemeint war. Den Eltern lag nichts ferner als Antisemitismus. Und doch säten sie, ohne es zu wollen, etwas davon in die Seele des Jungen. Verbindet sich bei uns in der Jugend mit einem Begriff eine unangenehme Empfindung, so werden wir dieses Gefühl in späteren Jahren nie ganz los.