Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 187 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wie ich als Jude in der Diaspora aufwuchs 187 ihrem Einfluß handeln und die Überlegung uns in Wirklichkeit nur die vernunftgemäßen Gründe für eine Entscheidung geliefert hat, die tatsächlich schon da war, ehe wir ans Überlegen herangingen. Als mir die Frage vorgelegt wurde, welche Gründe meine Stellungnahme zur nationalen Bewegung unter den Juden bestimmen, war auch ich zunächst geneigt mich auf die Angabe von Gründen zu beschränken, wie man sie sich durch vernunftmäßige Überlegung bildet. Aber bald sah ich, daß es damit allein nicht ging. Denn welches ist diese Stellungnahme? Ich kann sie nur dahin bezeichnen, daß ich zwar meiner Abstammung von Juden mir bewußt bin und kein Bedürfnis in mir fühle, sie zu verdunkeln, mich, wo Juden um ihrer Abstammung willen zurückgesetzt sind, im Gegenteil solidarisch mit ihnen fühle, daß ich mich aber nicht entschließen kann, irgend einer spezifisch jüdischen Verbindung beizutreten, sondern mich solchen gegenüber, welcher Art sie auch sein mögen, ob rein sozial oder politisch, ob schlechthin zionistisch oder sozialistisch-zionistisch, als einen Fremden betrachten würde. Solcher Gegensatz kann aber nicht aus Vernunftüberlegungen allein erwachsen. Im Reiche der reinen Vernunft gibt es keinen Widerspruch. Der Widerspruch kommt in es erst dann hinein, wenn das Gefühl ein entscheidendes Wort mitspricht. Und das Gefühlsurteil erklärt sich bei mir im vorliegenden Falle, wie ich mir sagen muß, in hohem Grade durch die seelischen Einwirkungen der Umstände und der Umgebung, in denen ich aufgewachsen bin. Ich bin in einer Gegend Berlins aufgewachsen, in der nur ganz wenige Juden unter Nichtjuden verstreut lebten. In dem Hause, wo meine Eltern wohnten, bis ich das 13. Jahr zurückgelegt hatte, waren wir längere Zeit die einzigen Juden, und als später noch eine jüdische Familie hineinzog, hatten wir mit dieser, da sie einen andern Flügel bewohnte und nur Kinder im jüngsten Alter hatte, gar keine Berührung. Und ebenso war es in den später von uns bezogenen Häusern. Auch die Schule, die ich bis zum zurückgelegten 13. Jahr besuchte, zählte nur ganz wenige jüdische Schüler, nicht einer davon war mein Mitschüler. Erst als ich dann auf das Gymnasium kam, änderte sich dies, und um dieselbe Zeit wurde ich in den Religionsunterricht der jüdischen Reformgemeinde zu Berlin geschickt, wo Lehrer und Schüler Juden waren. Über die Eindrücke, die ich von ihnen empfing, weiterhin. Wenn wir aber während meiner Kinderjahre ganz unter Nichtjuden lebten, so wurde meinen Geschwistern und mir die Tatsache, daß wir als Juden einem nicht für voll geltenden Volksstamme angehörten, doch von unserer Umgebung °ft genug in unangenehmer Weise zum Bewußtsein gebracht. Allerdings fast nur von andern Kindern oder halbreifen Burschen, die uns allerhand, die Juden herabsetzende Spottverse und Spottworte nach- oder zuriefen und uns damit gelegentlich Tränen entlockten. Denn Kinder sind in diesen Dingen sehr empnalich. Selten oder nie habe ich dagegen zu jener Zeit von Erwachsenen eine gehässige Anspielung auf unser Judentum vernommen. Was allerdings zum eu dem Beruf meines Vaters und unsrer Lebensweise zuzuschreiben war. Mein Vater war Lokomotivführer bei der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn. °n Hause aus gelernter Klempner, hatte er sich, da ihm der den Juden nachgerühmte kaufmännische Geist vollständig abging, als selbständiger Handwerker