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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 174

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Idee und Organisation
Date
1917-01-01
Page
174 (sequence 12)
Language
German
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174 Albrecht Hellmann: Idee und Organisation im Gefühl der unentrinnbaren Notwendigkeit schweigend das Schwere auf sich nimmt. Die Opfernden sind namenlos und ohne Zweck und Ziel; Personalität und Ruhm wäre ihre größte Lüge, ihr größtes Vergehen. Sie haben keinen ,,Erfolg", weil sie keine Leistung haben; sie dürfen keinen Erfolg haben. Opfer heißt von außen gesehen zumeist Niederlage; ist es ein Erfolg, so gehört er nicht ihnen, sondern ist der Erfolg des Bürgers. Der Opfernde besitzt nur das Opfer. Herzl hat wohl heute noch keinen „Erfolg" außer dem notwendigen und selbstverständlichen, die Organisation begründet zu haben. Hätte er selbst den nicht, dann könnte er auch nicht geopfert worden sein. Denn Herzl ist unleugbar an der Organisation zugrunde gegangen. Heute sucht man sich irgendwie mit ihm abzurinden, weil man ihm nicht folgen kann, destilliert hilflos aus dem Geschick seines Lebens dessen schwungvollen Rhythmus heraus und meint in der Nachahmung dieses Schwunges ihm Genüge getan zu haben, ohne irgend eine Veranlassung zu haben, gerade ihn, nicht einen anderen großen Menschen, zum Vorbild zu nehmen. Man sieht nicht die Notwendigkeit und die Größe Herzls darin, daß er so wenig Jude und so ganz Mensch war, daß seine politische Methode durchaus unbürgerlich, unwirtschaftlich, unpraktisch war, sieht nicht die Notwendigkeit darin, daß er erfolglos war, weil nur der Bourgeois erfolgreich ist, daß er sich opfern mußte, weil nur der Unternehmer energisch und ökonomisch genug ist, sich zu behaupten. Gerade Herzls Erfolglosigkeit, sein Opfer wird in späterer Zeit sein Erfolg sein. Nicht die Leidenschaft seines Wirkens, sondern die Tragik seines Geschickes wird künftige Herzen erglühen lassen. Nicht daß und wie er für uns lebte, sondern daß er für uns starb, nicht sein immer noch bedingtes Leben, sondern die unbedingte Tat seines Todes wird einmal zu der ungeahnt reichen Kraftquelle werden, aus der lange ungezählte Antriebe zum Handeln geschöpft werden können; so wie die Seelen der Gläubigen nicht von Moses und Jesu Leben, sondern ihrem Opfertod erschüttert werden. Der Generation, die glaubt, über Herzl hinausgegangen zu sein, ihn überwunden zu haben, ist er ja nur noch ein leerer Begriff, ein Wort: Gründer der Organisation. Ihre Willensimpulse werden noch — sogar die sich aus sich selbst weiter fortbewegende Maschinerie der Organisation bedarf zuerst und dann später von Zeit zu Zeit wieder des fremden Antriebs — aus dem Reservoir der „Jüdischkeit" gespeist, jenem üblen Gemisch aus Traditionalismus, Gemüt, Familiarität und nationaler Selbstgefälligkeit. Sie sind noch ,,gute Juden" und ihr Zionismus nichts anderes als eine Art jüdischer Orthodoxie, die gerade Fortsetzung der jüdischen Überlieferung. Erst wenn diese „guten Juden** und schlechten Menschen ganz verschwunden sein werden, wird Theodor Herzl in den jungen und reinen Herzen einer neuen Generation auferstehen . . . Zu einem rechten Schluß wäre es eigentlich noch notwendig, daß auch das Geschick der Opfernden schließlich einmal, „trotzdem" und „dennoch**, ,,stimmt(t und auch ihr Opfer irgendwann „Früchte trägt**. Der Opfernde aber kann und darf sich nicht mehr täuschen und trösten. Er weiß, daß sein Opfer für ihn als vergänglichen und als dauernden Menschen gleichermaßen ohne Hoffnung und Lohn ist. Was er besitzt, ist weder viel noch wenig, weder alles noch nichts; es ist eben: das Opfer.

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