Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Idee und Organisation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 173 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Idee und Organisation 173 ihn ganz, und niemals der Nächste, als welcher gerne unverschämt wird, da er das Opfer begreifen soll. Darum ist es so schwer, den Opfernden nach Menschenart zu messen und zu sagen, er sei gut oder treu oder dankbar, vielmehr ist es anmaßend und voreilig, ihn also gut oder treu oder dankbar zu nennen: der Opfernde hat das Ziel in sich und gleich dem Liebenden ist er auch das Gegenteil von dem, was er ist, und darum ist der Inhalt seiner Tiefe nicht die Güte oder die Treue oder die Dankbarkeit, sondern das Leben selber, das Sein, und sein Maß ist die Scham." „So viel ein Mensch zu opfern vermag, so tief ist er." (Kassner, 1. c.) Der Opfernde ist nur der Jude, der nicht Jude ist. Viel weniger noch kann er allerdings Christ sein. Für ihn hat das Opfer keinen anderen Sinn als sich selbst. Für das Judentum und die Welt vielleicht den, daß aus ihm die Kraft zu einem neuen Judentum an Stelle des alten, das nicht leben und nicht sterben kann, erwächst, einem Judentum, das lebt, weil es sich nicht opfern muß, aber sich opfern kann. 8. ___ Man begreift wohl jetzt, warum Theodor Herzl, das bisher größte und schwerste Opfer des Zionismus, weil Opfer wider Wissen und Willen, durch Bestimmung und Schicksal, so wenig Jude und so ganz Mensch war; warum nur er, der Mensch der Seele, nicht der Organisation — sein unaufhörliches Erstaunen vor den „Wundern der Technik" ist überaus bezeichnend für seinen gänzlichen Mangel an Technik — die zionistische Organisation schaffen konnte, nicht aber die Bürger und Wirtschaftsmenschen, aus denen heute fast das ganze jüdische Volk zu bestehen scheint. (Die Schaffung der Organisation ist mit organisatorischer Arbeit nicht zu verwechseln, so wenig wie die Organisation mit der Idee, deren Werk sie ist). Schon am Beginn der Bewegung hatte Herzl eine leise Ahnung von der „Unvollendbarkeit aller Zeugungen". In der Vorrede zum „Judenstaat^ heißt es: „Ich bin im Tiefsten davon überzeugt, daß ich recht habe — ich weiß nicht, ob ich in der Zeit meines Lebens recht behalten werde. Die ersten Männer, welche diese Bewegung beginnen, werden schwerlich ihr ruhmvolles Ende sehen. Aber schon durch das Beginnen kommt ein hoher Stolz und das Glück der innerlichen Freiheit in ihr Dasein". Von der „grauenhaften Menschen-Einsamkeit", von dem „Wahnsinn" der Besessenheit, der in ewigen Krämpfen den von der Idee Ergriffenen schüttelt, wußte er damals noch nichts. Wer erkennen will, wie tief dies alles in seine Seele gedrungen ist und wie dieses „Glück", von dem er sprach, aussieht, betrachte die Bildnisse Herzls aus seinen letzten Jahren, etwa das an der Rheinbrücke: dieser unendlich gramvolle, todwunde, sterbensmüde ick beutet in erschütternder Sprache sein Schicksal. Man sah diesen Blick bei avid Wolffsohn, einem anderen, nicht ganz so großen Opfer des Zionismus, wieder, auf dem 10. Kongreß zu Basel, auf dem er „gestürzt" wurde, als man 1 n den Helden dieses Kongresses nannte und die Menge ihm minutenlang Szujubelte. der11^21 Wolffsohn' deren Herzen das „Schwert des Geistes" nicht nach er Sage Momberts „mit einem uralt schönen Lächeln spurlos in sich lösen" d?n**ten> sondern die an ihm starben (die Wunden der Seele sind schwerer als ^|e des Körpers), waren Geopferte, nicht Opfernde;_ihr Opfer hatte noch einen nn außer sich selbst, war Ergebnis, nicht Absicht, die in Freiheit und zugleich