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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 171

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Idee und Organisation
Date
1917-01-01
Page
171 (sequence 9)
Language
German
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Idee und Organisation 171 der hohen und großen Seele, die im tiefsten fühlt, daß alles Leben verpflichtet, weil alles Leben nur durch Ideen ist und alle Ideen nach Verwirklichung verlangen, und die sich dieses Gefühl durch keinen leichten Selbstbetrug und keine auch noch so geschickt als sozial bemäntelte Ichsucht entstellen läßt, heute nichts anderes übrig, wie heute der Idee nichts anderes als die Organisation übrig bleibt. Die Organisation ist für die Seele die Fremde, aber wo anders hatte die Seele je Heimatstatt als in der Einsamkeit? Doch ,,nicht zum müßigen Beschauen und Betrachten deiner selbst oder zum Brüten über andächtige Empfindungen, — nein, zum Handeln bist du da; dein Handeln und allein dein Handeln bestimmt deinen Wert." (J. G. Fichte, „Die Bestimmung des Menschen"). Die Seele ohne Selbstsucht und Selbstbetrug, die nicht entstellte und entseelte, die reine, hohe und große Seele weiß, daß sie nur lebendig bleiben kann, wenn sie sich opfert, nur rein, wenn sie sich beschmutzt, nur hoch, wenn sie sich erniedrigt, nur groß, wenn sie sich demütigt. Die Seele, die spricht: „Geh an der Welt vorüber, es ist nichts", ist tot, auch wenn es eine so schlechte und qualvolle Welt wie die der Organisation ist. Niemals war die Seele so heimatlos wie in der Gegenwart. Die Fremde folgt ihr auch dorthin nach, wo sie früher ganz und restlos zu Hause war, zu ihr selbst. In welch unsagbarer Fremde ist nun erst die jüdische Seele, für die auch die körperliche und die räumliche Gemeinschaft fremd und verschlossen ist, und die, wenn sie nicht die Augen verschließen und im Schmutz der Lüge ersticken will, nur zwei Wege hat: in den Tod, der alles löst (Otto Weininger, Walter Cale, Max Steiner haben, daran verzweifelnd, irgendwo Ruhe außerhalb des Judentums finden zu können, dies Letzte wählen müssen), oder in die Verlassenheit und den Mechanismus der Organisation, die nur noch schmerzlicher bindet. Denn daß die Organisation keine Gemeinschaft kennen kann, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Die Seele des Juden kann heute nur leben, indem sie sich opfert. Es ist ein jüdischer Dichter, Alfred Mombert, dem dieses unendlich wehe Schicksal der jüdischen Seele zum Gedicht wurde : Du mußt dir ein Schwert schmieden. Aus deinem Leid und aus deiner Krankheit — aus dem Hohngelächter der Zeit, aus deiner grauenhaften Menschen-Einsamkeit — aus deiner Gier — aus deinem Wahnsinn — aus der Unentrinnbarkeit aller Gesichte — aus der Unaussinnbarkeit aller Gesetze — aus der Unvollendbarkeit aller Zeugungen —: Aus dem Zusammenbrausen aller deiner Zerberstungen mußt du dein Schwert schmieden. Und du mußt gut zuschlagen — wie es auch sprüht — was es auch trifft — wie es auch tut. Du mußt das Schwert schmieden deines Geistes. Und ist das Schwert geschmiedet, und geglüht — und gut gehärtet! — dann muß dein Leib — deine dunkle Brust — dein Herz verzehrt werden von zerstörerischer Sehnsucht nach dem Schwert.

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