Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Idee und Organisation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 170 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Albrecht Hellmann: Mensch hat nur eine Unbedingtheit: die Tat, die seinen Tod, die Vernichtung seines bedingten Lebens fordert; das Opfer in seinem reinsten Sinne. — Nur ganz flüchtig sei noch darauf hingewiesen, daß die Organisation nichts anderes ist als die moderne, die bisher tief stehendste Form der Kirche, der Religionsgemeinde. In dem Abschnitt über den Begriffsinhalt der Idee wird man wohl bereits gemerkt haben, daß jede Idee als Begriff des Absoluten religiös sein muß (bezeichnet man das Religiöse als das Verhältnis zum Absoluten). Wer zwischen Religion und Religiosität unterscheidet, mag in Organisation und Bewegung ihre verschiedenen Manifestationsformen sehen. Die Organisation ist natürlich ebenso wenig Religion als sie Idee und als die Kirche Religion ist; wie sich gezeigt hat, ist sie Aufhebung der Idee genau so wie die Kirche als weltliche Macht Aufhebung der Religion ist (Der Zionismus als Idee ist darum Religion, wenn sein Ziel auch scheinbar nicht religiös bestimmt ist. Das Nationale als solches ist gewiß nicht religiös, man kann es in unserem Falle vielleicht als Ritus bezeichnen in dem Sinne wie liberal und orthodox. Der liberale, der orthodoxe und der nationale Gott aber ist dasselbe Absolute ebenso wie es der jüdische und der christliche Gott ist. Es kann eben nur einen Gott geben, so verschieden ihn die Menschen auch sehen und — schöpferische Geschöpfe — auch formen. Dem absurden Vorwurf der Orthodoxen, der Zionismus setze das Nationale an Stelle des Religiösen, kann man daher den Vorwurf gleicher Art entgegenhalten, die Orthodoxie setze ihren ,,richtigen Glauben" — wer hält denn seinen Glauben nicht für richtig? — an Stelle des jüdischen. Das Eigentümliche des zionistischen „Ritus" besteht darin, daß er sich nicht wie seit Jahrhunderten im bloßen Glauben erschöpft, sondern wie in der jüdischen Urzeit Gott sich erst im Kampfe, in der Tat erringen läßt. Keine Glaubensrichtung im Judentum kann eine solche Steigerung des religiösen Gefühls aufweisen wie der Zionismus im Opfer von manchen seiner Bekenner. Und auch die geringste, jedes lebendigen Gefühls entblößte organisatorische Arbeit, die fast gar keinen Zusammenhang mit der Idee mehr hat, ist noch nicht so mechanisiert wie hunderte synagogale Zeremonien oder etwa der Reformtempel, diese bisher unerreicht vollkommene Gottesverehrungsmaschine mit größtem Leistungs- und Nutzeffekt bei kleinstem Kraftaufwand und hervorragendster Sparsamkeit). 7- Wir wissen jetzt, wer der Mensch der Organisation ist; es ist der Bourgeois, der moderne Wirtschaftsmensch, der Mensch ohne Seele und mit ungeheuer viel Willen und Unternehmungsgeist, der Mensch ohne Menschentum, Beherrscher von Hunderten und selbst Sklave seines Werkes, der Mensch der kalten Leidenschaft und der leidenschaftlichen Rationalität, der Mensch der unpersönlichen Sachlichkeit und monomanen Objektivität, der Mensch des unbarmherz:gen Kalküls und des fanatischen Dogmas, der Mensch der Sicherheit und ohne Versuchung. Irgendwie hat er die Idee schon überwunden, auch wenn er ihr zu dienen vorgibt, denn er macht keinen Gegensatz zwischen ihr und der Organisation, die ihm notwendig als ihre natürlichste Verwirklichungsform erscheint; empfing sie doch seine Seele und bedeutet sie ihm nun seine Welt. In dieser Welt hat die Seele keine Heimat; in ihr festgehalten muß sie langsam und qualvoll sterben. Sie wiederholt damit das Schicksal der Idee, der sie im Innersten verwandt ist wie die Mutter dem Kind. Und doch bleibt der reinen,