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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 169

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Idee und Organisation
Date
1917-01-01
Page
169 (sequence 7)
Language
German
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Idee und Organisation 169 Diesen Erfolg" der Organisation nennt man gewöhnlich Revisionismus. In diesem Sinne kann man sagen, die Organisation sei organisierter Revisionismus (ähnlich wie die Sozialdemokratie kapitalisiertes Proletariat ist) und Selbstaufhebung der Idee. So hoffnungslos, wie alles Leben, die Idee ist, so aussichtsvoll, wie jedes Unternehmen, ist die Organisation. 6. Die weitere Entwicklung vollzieht sich sehr einfach. In kürzerer oder längerer Frist wird die Organisation mit Erreichung ihres Ziels zur Macht; in diesem Augenblick ist die Idee gestorben, an ihre Stelle tritt die Norm, „die wohlverstandene Politik der Gewalt", wie Jhering das Recht definiert. Oder die Organisation fügt sich schon vor ihrem Endziel einem bestehenden Machtverhältnis ein oder löst sich wegen Unzulänglichkeit ihres „Betriebes" auf. So ist die Organisation von vornherein darauf eingestellt, das unendlich ferne Ziel der Idee zu verendlichen, das Unmögliche zu ermöglichen. In ihr traf sich die Idee zu Tode. Und doch blieb ihr nichts anderes übrig, heute wenigstens nicht, wollte sie sich weiterhin verwirklichen. Die Organisation ist die einzige Verwirklichungsform unseres kapitalistischen Zeitalters. Sie sichert das Ziel, aber nicht der Idee, sondern der Organisation. Denn die Idee kann nicht anders als unabänderlich an ihrem Ziele festhalten, die Organisation aber ist von Anbeginn darauf angelegt, „gegebenenfalls" ihr Ziel zu verschieben. Denn dieses hält sich nur innerhalb der Grenzen des „Realen" (so nennt man die Tatsachen merkwürdigerweise). Gewiß kann die Idee auch in der ihr adäquaten Verwirklichungsform, der Bewegung, ihr Ziel nicht erreichen. Hier ergibt sich der Weg, der Entwicklungsgang der Idee als die Resultierende in einem Kräfteparallelogramm, dessen beide Komponenten das der Idee immanente Streben nach dem Unbedingten und die Linie der sich ihr entgegensetzenden Widerstände sind. In der Organisation, die ja nur Erreichbares erstreben kann, wird diese Resultierende nun zur Komponente; aus dieser, den neuen Widerständen (der Tatsachen und der stabilen, konservativen Mächte) und der dritten Komponente des Revisionismus, der Rückwirkung der Organisation auf die Idee (die ebenfalls ihren Ursprung in der „Macht der Tatsachen" hat), entsteht nun die neue, endgültige Resultante, nämlich das „Resultat" der Organisation. War früher die Widerstandslinie gegenüber der Ziellinie verschwindend klein, mit anderen Worten: die Leidenschaft der Idee viel größer als die „Macht der Tatsachen", so steht die Kraftkomponente jetzt den hemmenden Komponenten weit nach: die Organisation muß ihre vorhandene Energie (die mit immer näherem Ziel sich immer mehr vermindert) sorgsam bewahren und vorteilhaft verwerten; sie muß „mit den gegebenen Verhältnissen rechnen". Diese Verhaltungs weise nennt man gewöhnlich Opportunismus. Eine nicht opportunistische Organisation ist also nicht denkbar, ist eine contradictio in adjecto. Radikalismus ist nichts anderes als eine selbstbewußtere, unbekümmertere Art des Opportunismus, die die Kraft der Organisation höher einschätzt als gewisse Widerstände, sich also lediglich in der Arbeitsmethode unterscheidet. (Radikalismus des Ziels ist umgekehrter Revisionismus: ein kurzes Aufflackern der langsam verlöschenden Idee, aber öfter leere Phrasen aus heißem Kopf und kaltem Herzen), en Radikalismus Unbedingtheit zu nennen, ist eine komische Übertreibung. Der

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