Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Idee und Organisation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 167 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Idee und Organisation 167 bezeichnet als Organisation also einen gesellschaftlichen Organismus, dessen einzelne Glieder sich wie Organe in ihm organisch einfügen. Man vergleiche nun dagegen eine Definition Werner Sombarts, welche die Vorstellung, die man heute mit dem Begriff der Organisation verbindet, zum Ausdruck bringt: „Organisieren heißt: viele Menschen zu einem glücklichen, erfolgreichen Schaffen zusammenfügen; heißt Menschen und Dinge so disponieren, daß die gewünschte Nutzwirkung uneingeschränkt zutage tritt." Das ist ungefähr das Gegenteil von der Kantischen Erklärung; die Organisation ist hier nichts Lebendiges mehr, sondern etwas rein Technisches und Mechanisches. Die Organisation ist ein Produkt der modernen Wirtschaftsgesinnung, des Kapitalismus. Ihr liegt das Prinzip der Ökonomie zugrunde, das unsere ganze Zeit beherrscht und sogar — vernichtende Kritik der Gegenwart! — eine „philosophische" Formulierung in dem „energetischen Imperativ" Wilhelm Ostwalds: „Vergeude keine Energie! Verwerte alle dir erreichbare Energie in der besten Weise!" gefunden hat. Größter Nutzeffekt bei geringstem Kräfteaufwand ist die Aufgabe der Organisation wie des Kapitals. Die Energie der sich verwirklichenden Idee ist begrenzt und kann nicht mehr unbekümmert in der Bewegung verschwendet werden, sie muß bewahrt und „nutzbar" gemacht werden, um nicht ganz zu versiegen. Flamme und Flut der Bewegung müssen jetzt die Maschinen der Organisation treiben, ungehemmte Freiheit ist ihnen nun verwehrt. Die lebendige Energie wird mechanisiert, der aus sich heraus sich erneuernde geistige Prozeß ist zu Ende, der Prozeß der Aufhebung, der Umwandlung der Idee beginnt. Die Organisation ist der Tod der reinen Idee, ihrer ursprünglichen Energie und ersten Verwirklichungsform. 5. Man hat den Unterschied zwischen dem Organischen und Anorganischen in der lebendigen Wechselwirkung gesehen, in der alle Teile eines Organismus zueinander stehen und die auch innerhalb des gesellschaftlichen Organismus wahrzunehmen ist. Wie ein jedes körperliche Organ die Ausbildung seiner eigentümlichen Struktur nicht nur seiner eigenen Lebenskraft, sondern auch dem Zusammenwirken der übrigen Organe verdankt, entwickeln sich auch die einzelnen Individuen nicht selbständig, sondern werden zu einem großen Teil auch von anderen Individuen und der Gesellschaft geformt, ebenso wie diese dann später unter ihrer Rückwirkung stehen. Man wird als allgemeine Regel der organischen, der schöpferischen Entwicklung den Satz aufstellen können, daß alles Lebendige in schöpferischer Wechselbeziehung steht. Das Geschöpf wird nicht nur selbst wieder Schöpfer, sondern das Geschaffene formt auch wieder den Schaffenden, der formte („Wie er mein Kind, ich meines Kindes Kind." — Stefan George.) Der Mensch, das Resultat nicht eines einzigen Zeugungsprozesses, sondern einer unendlichen Reihe von Schöpfungen, ist nicht bloß „geprägte Form", sondern „entwickelt sich lebend". Der Konflikt zwischen „Vätern und Söhnen" hat hier seinen Ursprung. In neuerer Zeit erscheint den Naturwissenschaften die Grenze zwischen Organischem und Anorganischem stark verwischt, ja viele nehmen zwischen beiden eichen überhaupt keinen wesentlichen Unterschied mehr an, ohne daß es freilich gelungen wäre, das Phänomen des Lebens durch mechanische Vorgänge restlos Zn efklären. In merkwürdiger Übereinstimmung mit diesen Ergebnissen der