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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 166

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Idee und Organisation
Date
1917-01-01
Page
166 (sequence 4)
Language
German
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i66 Albrecht Hellmann: im Gefolge hat, daß eine größere Extensität und Breite sich nur durch eine geringere Intensität und Tiefe ermöglichen läßt. Und da die menschliche Kraft nicht unerschöpflich, sondern begrenzt ist, hat dies Gesetz auch geschichtliche Geltung. In einzelnen Fällen scheint es durch die tatsächliche Erfahrung nicht bestätigt zu werden, weil man wiederholt die Wahrnehmung machen kann, daß die Intensität menschlicher Energie bei größer werdender Extensität nicht nur konstant bleibt, sondern sich sogar noch steigert. Die Ursache ist aber stets nur die wachsende Energiemenge, nicht irgend eine andere, welche die Ungültigkeit des angeführten Gesetzes bewiese. So ist es nicht weiter verwunderlich, daß trotz der Verbreitung und Ausdehnung der Bewegung die Leidenschaft auch der vielen, die von der Idee jetzt in ihren Bann gezogen wurden, nichts an Intensität verloren zu haben braucht. Zumal in der Vergangenheit, wo — wie schon hervorgehoben — die ursprüngliche Verwirklichungsform der Idee, die Bewegung, auch ihre einzige blieb, erschloß sich erst aus dem Zusammenkommen der Vielen, dem Zusammenkommen neuer und ganz unberührter, unverbrauchter Energieen die überwältigendste Kraft der Idee. Solche Massenbewegungen, die kaum noch Führer und Geführte kennen, weil fast gleichzeitig Tausende Menschen in einem leidenschaftlichen Willen entbrennen, kennt die Gegenwart nicht mehr; zu bewußt und bedacht sind auch die großen Massen schon geworden. Die letzte große Bewegung dieser Art im Judentum war wohl diejenige, welche man ganz ungerechtfertigt nach Sabbathai Zewi benennt. Auch diese Massenbewegungen müssen wie die Bewegung der Einzelnen rasch ein Ende finden. Je schneller der Höhepunkt der Spannung erreicht wird, um so rascher tritt auch die Entspannung ein. Der Tod von einzelnen Menschen oder ihr Zusammenbrechen, von ihrem Abfall überhaupt nicht zu reden, kann die Idee an ihrer Weiterexistenz nicht hindern, denn mehr als sie Kräfte empfängt, verleiht sie Kräfte. Weit entfernt davon, im Schicksal dieser vereinzelten und darum verlorenen, bald niedergeworfenen Vorläufer des späteren Entscheidungskampfes ihr eigenes vorzuahnen, sehen die künftigen Träger der Idee in ihm nur die hinreißende, richtunggebende Manifestation ihrer erschütternden Gewalt. Mit dem Erwachen der Massen aus kurzem, glutvollem Traum ist aber die Idee gestorben. Höchste Spannung bei größter Ausdehnung wird eben nur mit höchster Gefahr erkauft. Die Bewegung ist formlos, meist auch im Beginn unsichtbar, unterirdisch. An den verschiedensten und ganz zusammenhanglosen Stellen brechen die Flammen aus dem bebenden Boden empor und verlöschen wieder. Erst durch die Vereinigung mehrerer zu einem einheitlichen Ganzen mit bestimmter Zwecksetzung hat die Idee ihre erste fest umrissene Verwirklichungsform gefunden. Diese Form ist gegenwärtig die Organisation. Das erste und einzige Kind der Idee ist die Bewegung, in der ihr Geist noch in seiner ursprünglichen Reinheit erhalten ist. Die Organisation ist zwar auch eine Schöpfung der Idee, aber keine organische. Denn die Organisation ist kein lebendiger Organismus, sondern ein künstlicher Mechanismus. Der ursprüngliche Begriffsinhalt des Wortes Organisation hat sich längst geändert. Kant hat einmal gesagt, der zu seiner Zeit neue Ausdruck „Organisation** sei sehr gut gewählt für gesellschaftliche Einrichtungen, denn es handle sich auch bei diesen darum, daß die Dinge so in der Gesellschaft eingerichtet werden, daß jeder Einzelne zugleich als Mittel für das Ganze und als Selbstzweck existiere. Diese Auffassung

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