Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Idee und Organisation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 165 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101129-3102040--1421-3102095- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Idee und Organisation 165 Antlitz einer Zeit nirgends deutlicher spiegeln als in der Wahl der verschiedenen Verwirklichungsmöglichkeiten ihrer Ideen — der Ausdruck Verwirklichung fortab nur im soziologischen, d. h. übertragenen Sinne gemeint. Nichts kennzeichnet besser das Wesen einer Kultur als die Art der Manifestation ihrer führenden Ideen. Frühere Zeiten sind zumeist, was ihre neuen, eigenartig schöpferischen Ideen anbelangt, bei deren erster und unmittelbarster Ausdrucksform stehen geblieben: der Bewegung. Dieses Wort deutet sehr glücklich den Zusammenhang zwischen individuellem und kollektivem Leben an. Bewegung ist die erste Lebensäußerung und zugleich die wichtigste Funktion des organischen Daseins, als dessen Wesentlichstes sie auch gilt. Keine mechanistische Theorie hat zu ihrer Erklärung hingereicht, kann nicht hinreichen, da Bewegung eben ein geistiger Prozeß ist wie im Grunde alles Lebendige. Nirgends läßt sich deutlicher und augenfälliger die immanente Tragik der Idee erkennen als in der Bewegung, dem ersten Stadium ihres Lebensweges. Hoch, steil und rein, ein verzehrendes Feuer, glüht da noch die Flamme der Idee, die sich in den reifen Seelen weniger Einsamer, Verborgener und Abseitiger entzündet hat. Ihren brennenden Herzen, die in der erschütternden Gewalt ihres Ergriffenseins vermeinen, stündlich müsse sich das Ungeheure begeben, nur die letzte Hemmung müsse weggerissen werden, damit die Flut erbrause, sind Mittel der Durchführung'1 fremd. Unmittelbare Tat ist die schrankenlose Seligkeit ihres verlorenen Daseins. Kühl betrachtet, wollen sie das Unmögliche mit unmöglichen Mitteln möglich machen. Bald hat sie die Flamme verzehrt. Sie sind die ersten, die teuersten, aber auch die glücklichsten Opfer. Denn sie sterben ,,im Kusse Gottes". Sie erfüllte die Idee noch in ihrer ursprünglichen Reinheit; ihre personale Existenz war ausgelöscht, nichts sollte sie hindern, ausschließlich Gefäß und Form der unendlichen Idee zu sein. Ihres Lebens Sinn hatte sich erfüllt, wenn sie an dieser Aufgabe zugrunde gingen. Das Glück, die ersten zu sein, wird nicht umsonst zuteil. Beispiele bietet die Geschichte genug. Man denke an die vielen frühen und vereinzelten Vorläufer der großen Revolutionen, die vielfach unbekannt und namenlos in der dumpfen Zeit der nahenden Erhebung zerschellten, die Schillschen Freiheitskämpfer vor dem deutschen Befreiungskrieg von 1813, die Opfer der folgenden Reaktion, die Märzgefallenen von 1848, die zahllosen Männer und Frauen, die mit ihrem Blute der russischen Revolution den Weg bahnten — um nur die zeitlich nächstliegenden und bekanntesten Beispiele zu nennen. Man denke an die Bilu, diese wenigen von dem Gedanken der jüdischen Wiedergeburt Ergriffenen, die es aus der ungeheuren Wüste ihres Volkes in die ungeheure Wüste ihres Landes trieb, dessen heilige Erde ein jeder, mittellos, kaum noch Mensch, schon ganz Idee und Wille, fast mit den bloßen Händen aufzugraben begann. Die Bewegung ist die am meisten adäquate Verwirklichungsform der Idee; Sie ist darum auch die formloseste, unmittelbarste und kürzeste. Nicht lange und auch sie, das lebendigste, geistigste Leben, unterliegt den ehernen großen Gesetzen allen Daseins. 4« Es ist ein allgemeines Weltgesetz, daß bei gleichbleibender Energiemenge die Erweiterung ihrer räumlichen Ausdehnung eine Verminderung ihrer Spannung