Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Idee und Organisation
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 164 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Albrecht Heitmann: historische Denken ist die Idee eine unmittelbare Gegebenheit, die ihre einzige Rechtfertigung aus ihrer Existenz empfängt. Weshalb man auch die „Richtigkeit" einer Idee niemals beweisen, sondern sie nur glaubhaft machen kann. 2. Die Idee ist nicht nur etwas Vorgestelltes, sondern auch Forderung, Ziel, Aufgabe. Damit ist sie aus der Sphäre des Gedankens in den Bereich des Wollens, Strebens und schließlich des Handelns eingetreten, und hier ist auch schon der Punkt, an dem sie unpersönlich, kollektiv, zur Mitlebensform wird. Subjektives Erleben und persönliches Eigentum wird zu einer gesellschaftlichen Institution. Das Werden, der Weg der Idee, ihre Objektivation beginnt. Die Idee objektiviert sich, heißt zunächst: sie realisiert sich, ihr Werden bes'eht wie bei allem Organischen im Sichverwirklichen. Dann bedeutet es, daß die Idee nicht das Unbedingte ist, das sich ja nicht verwirklichen kann — sonst wäre es eben noch nicht unbedingt; sie ist nur ein Begriff des Unbedingten, die letzte Bedingung, die zu dem Bedingten gedacht werden kann (Kant), jedoch nicht das Absolute selbst. Die Idee ist also an sich nicht unpersönlich, sondern durchaus subjektiv und menschlich „bedingt", sie ist so unvollkommen wie ihr Gegenstand, ihr Objekt: das Bedingungslose vollkommen ist. Sie wird erst unpersönlich, wenn sie wird, d. h. aus dem Kreis des Seins, des Geistes in den Fluß des Werdens, des Lebens übergeht. - Kann nun die Idee ihr Gegenstand, ihr Objekt, das Unbedingte, das Wirkliche und Vollkommene werden, wie es ihr immanentes Ziel ist? Darauf wird man zunächst sagen können, daß alles Lebendige im Leben nur werden kann, was es ist, nicht aber, was es nicht ist, und ferner, daß dann die Idee gewissermaßen potentiell das Unbedingte, Wirkliche, Vollkommene in sich enthalten müßte, das, dem Denken verborgen, sich im Handeln aktualisierte. Aber die Idee wird nicht unbedingt, indem sie Bedingung wird, denn das Unbedingte kann sich nicht bedingen, sie wird nicht wirklich, indem sie sich verwirklicht, denn das Wirkliche kann sich nicht verwirklichen, sie wird nicht vollkommen, indem sie sich vervollkommnet, denn das Vollkommene kann sich nicht vervollkommnen. Aber auch ein potentielles Unbedingtes, Wirkliches, Vollkommenes kann es nicht geben, denn das Unbedingte, Wirkliche, Vollkommene ist nur eines und kann nicht zweifach sein, es müßte denn das eine das andere bedingen, das eine wirklicher und vollkommener sein als das andere. (Hier zeigt sich, warum alle, sogar die heterogensten Ideen — wenn sie wirklich Ideen sind — etwas tief Gemeinsames haben; es ist ihre Intention, die immer auf das Absolute geht, mag dieses auch als irgendein endlich bestimmtes Ziel erscheinen.) Und wenn gesagt wurde, daß die Idee unpersönlich werde, so gilt dies nur in dem Sinne, daß sie kollektiv wird, denn etwas Persönliches und menschlich „Bedingtes" kann nicht unpersönlich und übermenschlich werden. Die Idee, die aus dem Bedingten kommt, bleibt dem Bedingten, den Dingen verhaftet. Das Relative kann nicht das Absolute, die Erde nicht der Himmel, das Mögliche nicht das Unmögliche, Mensch nicht Gott werden. Die Idee ist hoffnungslos. Ihr Wesen und Schicksal versagt ihr die restlose Erfüllung. 3. Der Weg der Idee ist der Weg alles Lebens und zeichnet im Tempo seiner Entwicklung die Kurve jedes Lebewesens in den Hauptzügen nach. Und da die Ideen die eigentlichen Träger des geschichtlichen Geschehens sind, wird sich das