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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 3 · p. 163

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 3
Article
Idee und Organisation
Date
1917-01-01
Page
163 (sequence 1)
Language
German
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Albrecht Hellmann: Idee und Organisation 163 IDEE UND ORGANISATION 1. Ohne sich in das endlose Labyrinth des Kausalitätsproblems verirren zu müssen, wird jeder, der nicht in der platten Suggestion der materialistischen Geschichtsauffassung befangen ist, sondern an den Geist im menschlichen Geschehen glaubt, der daran glaubt, daß Geschichte nicht nur geschieht, sondern auch gemacht wird, heute genau so wie früher, mit einiger Überlegung sagen können: der entscheidende, der folgenschwerste und schicksalvollste Augenblick im Dasein einer Menschengesamtheit ist nicht in äußeren offensichtlichen Ereignissen zu suchen, etwa einem Kriege*), einer Revolution, oder sonst irgendeiner Krise. Alle diese Ereignungen, die sich auf den ersten Blick als die ausschließliche Ursache geschichtlicher Veränderungen darbieten, sind ableitbar und können — wer an den Geist glaubt, sagt: müssen — auf tiefere Ursachen zurückgeführt werden, über die hinaus für das historische, und das heißt: für das nicht-spekulative Denken die Kausalreihe nicht fortgesetzt werden kann. Denn wie jeder Wissenschaft, sind auch der vom menschlichen Geschehen, der Geschichte, ihre Grenzen in den ursprünglichsten Elementen ihres Materials gesetzt. Diese nicht weiter teilbaren letzten Einheiten sind für die Geschichte die menschlichen Individuen; sie sind darum auch ihre erste und letzte Ursache. Das Werden, das wir rückschauend den menschlichen Fortschritt nennen, wird nicht durch Massenerscheinungen bewirkt, sondern letzten Endes durch Einzelne. Und die Ideen, an deren realste Wirklichkeit und Wirksamkeit die Geistigen glauben, entstehen nicht aus dem Zusammenleben der Menschen, werden nicht inmitten dumpfer und zielloser Massen geboren, wie es die leere und oberflächliche Romantik des Tatsachenkultus gerne für wahr haben möchte. Ihre Geburtsstunde ist die ,,stillste Stunde'* der Einzelnen, der Einsamen und bis dahin Unerkannten. „Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt". Aus der Einzelseele nimmt die Weltgeschichte also ihren Ursprung, denn was ist uns Geschichte anderes als erstarrte, erkaltete und, gewiß, auch über und über mit Schlacken bedeckte Ideen. (Wie in einem Menschliches zum Kosmischen erweiternden Gleichnis die Erde vergangene, gestorbene Sonne ist). Es Hegt im Wesen der unpersönlichen Idee, daß ihr Weg über die Person ihres Schöpfers hinweggeht. „Die Ideen entstehen individual, verbreiten sich kollektiv und werden wieder durch Individuen ausgeführt." (Theodor Lindner, Geschichtsphilosophie). Oder in einer anderen Formulierung: „Die Utopie gehört von Haus aus nicht dem Bereich des Mitlebens, sondern des Individuallebens an. Unter Utopie verstehen wir ein Gemenge individueller Bestrebungen und Willenstendenzen, die immer heterogen und einzeln vorhanden sind, aber in einem Moment der Krise sich durch die Form des begeisterten Rausches zu einer Gesamtheit und zu einer Mitlebensform vereinigen und organisieren." (Gustav Landauer, Die Revolution). — Das Entstehen der Ideen ist undurchdringliches, unlösbares Geheimnis. (Alles Individuelle als das Elementare ist Geheimnis und nicht auflösbar). Für das *) Es sei darauf hingewiesen, daß der größte Teil dieser Arbeit vor Kriegsausbruch ents anden ist. Ihre Anwendung auf die Gegenwart ergibt sich ohne Schwierigkeit. 11*

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